Abiturrede
Dieter Wohlenberg. 24. Juni 2005
Der folgende Text ist die Ansprache, die Dieter Wohlenberg, Dr. theol., Abit. WG 1955, als Ehemaliger an die diesjährigen Abiturienten gerichtet hat. Seine Rede steht damit damit in einer Tradition, die seit einigen Jahren mit großem Erfolg an unserer Schule praktiziert wird.
Allen, die gelegentlich in unserer alten Festschrift blättern, ist Dieter Wohlenberg bereits bestens bekannt: als Verfasser des Beitrags über "die Ära Gustav Fock" und das Musikleben am WG um 1950 (S. 222ff.).
Die Anfangsverse
wurden übrigens von ihm gesungen, mit mächtiger und raumfüllender Baßstimme,
vergleichbar den Posaunen des Jüngsten Gerichts. Ein gewisses Erschrecken
bei einigen Zuhörern legte sich schnell - und machte einem befreiten Aufatmen
Platz, als sie erfuhren, wie alles zusammenhing. - Und einer sagte hinterher,
er habe an die Katharsis-Theorie der antiken Tragödie denken müssen. -
Am Klavier, umsichtig und einfühlsam begleitend: Angela Reinhardt, eine
junge Musiklehrerin am WG (die übrigens erst ganz kurz vorher, durch einen
Anruf aus Berlin, von dem Ansinnen erfahren hatte, - und dann spontan dazu
bereit war).
Wach auf, du verrotteter Christ!
Mach dich an dein sündiges Leben,
zeig was für ein Schurke du bist,
der Herr wird es dir dann schon geben!
Verkauf deinen Bruder, du Schuft!
Verschacher dein Ehweib, du Wicht!
Der Herrgott, für dich ist er Luft?
Er zeigt dirs beim Jüngsten Gericht!
Meine Damen und Herren: damit Guten Morgen!
Ihnen allen gelten meine herzlichen Glückwünsche:
Vor allem Ihnen, hochrespektable Abiturientinnen und Abiturienten: Sie haben mit dem Schulabschluß die Voraussetzung für Weiteres erreicht.
Gratulation nicht minder Ihnen, den glücklichen Eltern: Sie können - zumindest kurzfristig - die Sorge um Ihre Töchter und Söhne beiseite lassen.
Und Glückwunsch
ebenso Ihnen, verehrte Kolleginnen und Kollegen: Sie dürfen erleichtert
sein, mal wieder einen Jahrgang über die Hürde gehievt zu haben.
Ich bin selbst einige Jahre lang Lehrer gewesen, in Hamburg und in Hessen; dann war ich in Nordrhein-Westfalen in der Lehrerausbildung und später viele Jahre in der Erwachsenenbildung tätig; jetzt lebe ich im Ruhestand, in Deutschlands interessantester Stadt (während Sie in der schönsten zuhause sind). - Mit Schule habe ich nur noch als ehrenamtlicher Vorleser und Leselernhelfer in einer Kreuzberger Grundschule zu tun.
Natürlich habe ich überlegt: Was kann man einer solchen Festversammlung zumuten und womit sollte man sie verschonen? - Denn, mit Karl Kraus: "Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben; man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken" - ein Motto, das wahrscheinlich über vielen schulischen Textprodukten stehen könnte, von Profilentwürfen bis zu Abituraufsätzen.
Deshalb habe ich Sie mit einem gesungenen Einstieg genervt, dem Morgenchoral des Peachum aus der "Dreigroschenoper", Text von Bertolt Brecht, Musik von Kurt Weill. - Beide kamen im Unterricht der 50er Jahre nicht vor. Der Autor stand in der Zeit des Kalten Krieges unter Kommunismusverdacht und wurde ignoriert. Der Komponist genügte nicht den Niveauanforderungen des Musikunterrichts. Ein kleines Stück Wiedergutmachung also, wenn auch ohne Interpretation (dergleichen selbst zu leisten, haben Sie ja gelernt).
Dieser Auftritt war aber auch als Dankeszeichen gemeint gegenüber der Schule und unseren damaligen Lehrern. - Sie haben uns immer wieder Podiumserfahrung ermöglicht, den Mut zur Bewährung vor Publikum, - Texte bei Schulfeiern, Rollen in Aufführungen, Beteiligung an musikalischen Ereignissen, dazu für mich immer wieder Aufgaben am Klavier. - Und so maulte Herr Dr. Drude, als ich mal wieder an einer Übersetzung scheiterte: "Wohlenberg, Sie können och bloß Klavier spielen."
Ich bleibe beim Anekdotischen und beschränke mich auf zwei Personen, die seit meiner Schulzeit bis heute am WG überdauert haben. - Sie kennen sie also. - Die erste Person ist Dr. Peter-Rudolf Schulz. Er war unser beständiger Klassenprimus, nun auch Goldener Abiturient. - Wenn im Physikunterricht irgendetwas - und das war ziemlich regelmäßig der Fall - nicht funktionierte, z.B. der Papinsche Topf, hieß es prompt: "Schulz, geh zum Mechaniker." - An diesem Satz erkennt man zweierlei: (a) Schulz bedurfte des inzwischen behelfsmäßig weitergeführten Unterrichts nicht, - und, höchst staunenswert, (b) die naturwissenschaftliche Sammlung verfügte über den Arbeitsplatz einer Fachkraft, die für ihre Wartung zuständig war. - Goldene Zeiten!
Trotz des fehlenden Bedarfs an Unterricht war Schulz gleichwohl dessen höchst aufmerksamer Beobachter. Und wenn in Mathe Herr Zachariae, ein Mensch von unbestechlicher Korrektheit, die Tafel mit ellenlangen Ableitungen beschrieb, kam es zuweilen vor, daß Schulz in aller Höflichkeit sich erlaubte, auf einen Fehler hinzuweisen. - Zachariae, leicht irritiert, prüfte den Sachverhalt, um dann zu erklären. "Leider haben Sie recht", - ein, wenn auch etwas verstecktes Lob.
Mir wurde solches nicht zuteil, als ich in der Abiturarbeit bei einer Aufgabe zwar zum richtigen Ergebnis kam, - aber auf einem nicht akzeptierten Lösungsweg. Mein Ergebnis war - wie Zachariae darunterschrieb und unterstrich - "falsch", weil nur "zufällig" richtig: ein Urteil von geradezu Loriotscher Qualität.
Wieso weiß ich überhaupt davon? Nach der damals vorgeschriebenen Sperrfrist durften wir unsere Abiturarbeiten und auch andere Materialien nicht nur einsehen, sondern mitnehmen. Ich konnte also auch meinen Deutsch-Aufsatz und meinen Bildungsbericht nachlesen. Letzterer war eine Darlegung des eigenen Bildungsganges von der Kindheit bis zum Abitur und war mit der Meldung zum Abitur einzureichen. Bei dieser Lektüre war ich tief erschrocken über den Grad der Anpassung, der sich da zeigte: Anpassung an damals geltende Idealmuster und vermutete Lehrermeinungen. - Erziehung zum kritischen Denken, Mut zur Abweichung und die Fähigkeit, sie argumentativ zu bewähren, hatten noch keinen Stellenwert. - Darf ich hoffen, daß sich das gründlich geändert hat?
Die Nötigung zur Anpassung kann auch folgenden Grund haben: In den Klassen 5 und 6 hatten wir einen Klassenlehrer, der uns, immerhin 42 Jungen, mit selbstverständlicher Autorität, mit Humor und großväterlicher Güte durch die anfangs ungewohnten gymnasialen Gefilde leitete. - Stellte jemand eine schulorganisatorische Frage, pflegte er zu sagen: "Liebling, geh zu Tante Hoffmann!"; das war die Schulsekretärin. - Handelte es sich um eine Sachfrage, konnte er den Fragesteller nach vorn locken: "Liebling, ich will es dir ganz genau sagen", und leise, aber hörbar ihm ins Ohr flüsternd: "Ich weiß es nicht."
Als wir uns nach den Ferien frohgemut in der Klasse 7 einfanden, erlebten wir die Überraschung eines neuen Klassenlehrers, der uns sofort in einer Weise und in einem Maße zusammenschiß - Verzeihung; aber man kann es nicht anders nennen -, daß es für die meisten bis zum Abitur reichte, - in einem Fall bis heute ein Trauma. Daß wir ihm bis zum Abitur in drei Hauptfächern (Deutsch, Latein und Griechisch) ausgeliefert blieben, dazu Religion und zeitweise Geschichte und Philosophie bei ihm hatten, machte die Sache nicht eben erträglicher. Man versuchte zu überleben, und manchmal stand schon der Schulweg unter vorausahnenden Ängsten.
Doch läßt sich auch Positives sagen: Bei Schullandheimaufenthalten und Klassenfahrten blieb niemand, etwa aus finanziellen Gründen, außen vor. Und der Ehrgeiz dieses Klassenlehrers forderte uns natürlich auch: So spielten wir in seiner Einstudierung die "Antigone" des Sophokles in griechischer Sprache. Ich hatte das schönste Kostüm und die kürzeste Rolle, nämlich die der Königin Eurydike.
Mit Hilfe der Einnahmen aus drei Aufführungen und deren Aufzeichnung beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk konnten wir in der Abschlußklasse eine Italienreise machen (damals noch etwas ganz Ungewöhnliches), die mich z.B. angesichts der Tempel von Paestum ahnen ließ, weshalb ich Griechisch im Vergleich zu Latein immer als das Lebendigere und Schönere empfunden hatte, obwohl es mir schwerer fiel. (Die jahrzehntelange Sehnsucht, diesem Eindruck noch einmal nachzuspüren, konnte ich mir vor einigen Wochen erfüllen - meine ganz eigene 50-Jahr-Feier -, ein Glücksmoment). - In der Erinnerung überwiegen also auch hier Gefühle der Dankbarkeit.
Zurück zum Anekdotischen. Ich bin Ihnen die zweite Person schuldig, auf die ich erst jetzt komme, uncharmanterweise, denn es handelt sich um eine Dame. - Wir galten ja als eine gute Klasse und waren deshalb bevorzugtes Versuchsfeld für eine ganze Reihe von Referendaren - und einer Referendarin, in Latein: Frau Dr. Helga Urbach. - Mein Erlebnis mit ihr hat den Hintergrund, daß das WG bis 1953 eine reine Jungenschule war; auch im Lehrerkollegium gab es nur Herren. Insofern war eine Referendarin schon eine Sensation. - Im Unterricht bei Frau Dr. Urbach übersetzten wir nun eines Tages eine Geschichte, vermutlich aus den Metamorphosen des Ovid. Es ging jedenfalls um eine weibliche Person, vielleicht Niobe, die angstvoll ihre Kinder an ihre Brust drückte. Ich war dran, und es war mir unmöglich, in Gegenwart einer Frau von einer weiblichen Brust zu reden. Ich übersetzte also: "Sie drückte sie an sich." Frau Dr. Urbach bestand auf korrekter Übersetzung und war auch mit meinem neuen Versuch: "drückte sie an ihren Körper" hartnäckig unzufrieden. - "Er mag es nicht sagen", rief einer dazwischen. - So war es: so verklemmt waren wir damals. - Sich bei uns durchzusetzen, fiel Frau Dr. Urbach übrigens keineswegs schwer. Aufgrund klarer Zielsetzungen und fachlicher Kompetenz gewann sie unerzwungenen Respekt. - Und es berührt mich sehr (und absolut nicht mehr peinlich), Ihnen, Frau Dr. Urbach, bei dieser Gelegenheit noch einmal zu begegnen.
Fast alle Mitschüler sind das geworden, was sie beim Abitur als Berufsziel angegeben hatten. Und fast alle sind in Hamburg und seiner nächsten Umgebung geblieben. Unsere Zukunft war noch gewiß. Ihre ist fragil, und Garantien gibt es nicht mehr. Das Überangebot von Wissen schafft paradoxerweise Ungewißheit. Alles scheint möglich, aber kaum etwas erweist sich als realisierbar. Flexibilität und Mobilität sind gefragt, Risikobereitschaft. - Und die Fähigkeit, Unübersichtlichkeiten und Ambivalenzen auszuhalten, muß erst noch eingeübt werden.
Das sind gewaltige Anforderungen, auch an die psychische Stabilität. Ich beneide Sie darum nicht.
Hätte ich drei Wünsche für Sie frei, dann wären das:
Erstens: Ich wünsche Ihnen Menschen, die an Sie glauben. - Einer meiner Mentoren in der Referendarzeit fragte mich einmal, ob ich mir nicht auch einen anderen Beruf vorstellen könnte. Ein anderer setzte Zutrauen in mich und begleitet mich als Freund bis heute. So wie auch Schulfreundschaften bis heute Bestand haben. Die Gegenerfahrung: Wir hatten ein Klassentreffen aus Anlaß des 50jährigen Abiturs, und beim Verabschieden sagte einer zu mir: "Ich habe immer ein besonderes Faible für dich gehabt; aber du hast es wohl nie gemerkt." - Mögen Sie also freundschaftsfähig sein, aufmerksam dafür, was und wer Ihnen begegnet.
Zweitens: Ich wünsche Ihnen, daß Sie Ihrer Schule dadurch dankbar bleiben, daß Sie das hier Gelernte und Erfahrene weiterentwickeln, über Sach- und Leistungswissen hinaus. Nicht um eines Nutzens willen. Alles, was eine Funktion hat, ist ersetzlich. Unersetzlich ist nur, was zu nichts taugt - z.B. einen Roman lesen oder ein Gedicht, ohne eine Interpretation liefern zu müssen, eine Bootstour machen, ohne einen Rekord aufstellen zu wollen, Musik hören, nicht um sie im Leistungskurs zu analysieren, nur so, aus und zur Freude. So entsteht Bildung, und so ersparen Sie sich lebenslang die Anstrengungen der Dummheit.
Drittens: Ich wünsche Ihnen Zugang zu einer Utopie, die das Vorfindliche überschreitet, zu einem Horizont, der auch in schwierigen Phasen sich nicht verdunkelt, Unterwegssein zu einer tragenden Überzeugung, vielleicht: Glaubenszuversicht. Ich wünsche Ihnen die Erfahrung unverdienten Gelingens und unverhofften Bewahrtbleibens. In einer ganz alten Formel gesagt: Gnade sei mit Ihnen!
Ein Symbol für solche Utopien kommt auch in der "Dreigroschenoper" vor: Es ist das Bild vom Schiff mit den acht Segeln im Song der Seeräuber-Jenny. Und jede und jeder mag dieses Bild mit der eigenen Sehnsucht füllen und in der eigenen Lebensgestaltung konkret werden lassen:
Meine Herren, heut sehn Sie mich Gläser auswaschen
und ich mache das Bett für jeden.
Und sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
und sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel
und sie wissen nicht, mit wem sie reden!
Aber eines Tages wird ein Geschrei sein am Hafen
und man fragt: "Was ist das für ein Geschrei?"
Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern
und man sagt: "Was lächelt die dabei?"
Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen
wird liegen am Kai!
Meine Damen und Herren, hochrespektable Abiturientinnen und Abiturienten, verehrte Frau Dr. Urbach, lieber Peter: ich danke Ihnen für die Geduld des Zuhörens; ich danke der Schule für die Einladung und Frau Reinhardt für die sensible Begleitung.
Ihnen allen noch einen frohen Tag!
Und das Schiff mit acht Segeln wird entschwinden mit mir
Vanja Kovacev, Rupprecht zu Dohna: Abituransprache 24. Juni 2005
Der folgende Text ist die Ansprache zweier Abiturienten aus unserem diesjährigen Abiturjahrgang; er ist von beiden gemeinsam verfaßt und wurde in der Aula in Dialogform vorgetragen.
Sehr geehrte Frau Westenhoff, - meine Damen und Herren, - liebe Eltern!
Wir fühlen uns außerordentlich geehrt, heute für den Abiturjahrgang 2005 die Abiturrede halten zu dürfen.
Am heutigen Tag der offiziellen Entlassung erhalten wir unser Abiturzeugnis und damit die Beglaubigung, die Reife zum Besuch einer Hochschule erlangt zu haben. - Im Gegensatz zu den Jahrgängen vergangener Jahrzehnte wagen wir zu behaupten, schon mehr von der Welt gesehen zu haben, mehr Eindrücke gewonnen, mehr Erfahrungen gesammelt zu haben. - Ob dies zugleich auch ein mehr an Selbständigkeit und Verantwortungsbewußtsein bedeutet? - Wir wünschen es uns.
In vielen Schülerreden findet man umfangreiche Darstellungen über Beginn und Entwicklung der Klassen und Stufen von der 5. Klasse an. - Nun ist unser Jahrgang weniger durch den Zusammenschluß der beiden ursprünglichen Klassen, als vielmehr durch eine außerordentlich hohe Fluktuation während der Studienstufe geprägt worden: Weniger als die Hälfte derjenigen, die hier vor fast genau neun Jahren eingeschult worden sind, sitzen heute unter uns. Die andere Hälfte ist zum Teil erst seit sehr kurzer Zeit an dieser Schule. In vielerlei Hinsicht wurde unsere Stufe durch diese Zugänge maßgeblich geprägt. Der ständige Zustrom an vielfältigen und individuellen Persönlichkeiten führte zwar zum einen zu einer selten dagewesenen Heterogenität des Jahrgangs, erschwerte aber zum andern in vielen Fällen die erfolgreiche Aufnahme in die bestehende Struktur, wobei sich auch diese nicht durch eine große und abgeschlossene Gemeinschaft, sondern durch eine weitgehende Aufsplittung in kleine Gruppierungen definieren ließe.
Das Fehlen einer Klassengemeinschaft, eines Zugehörigkeitsgefühls und eines bisweilen nur schwach ausgeprägten Toleranzempfindens spiegelten sich sowohl im unzulänglichen Engagement der Schüler in bezug auf außerunterrichtliche Aktivitäten an der Schule, als auch in der Tatsache wider, daß außerhalb der Schule ein Kontakt untereinander zumeist nur in schon ausgeprägten Konstellationen stattfand.
Ist nun aber dieses unzureichende Engagement nur symptomatisch für unsere Stufe - und damit ein Einzelfall, oder sind Grundzüge dieser Motivationslosigkeit auch sonst in Teilbereichen der Schüler- und Lehrerschaft anzutreffen? - Mag auch unsere Stufe in dieser Hinsicht einen Extremfall darstellen, so ist doch das Vorhandensein derselben Symptome auf Schulebene nicht zu leugnen.
Um dies besser zu veranschaulichen, sollte man an dieser Stelle einen Blick auf die Anfänge unserer Schulzeit am Wilhelm-Gymnasium werfen. Natürlich sind wir uns der Tatsache bewußt, daß ein solcher Rückblick aufgrund der zeitlichen Distanz sowie aufgrund der frühen Entwicklungsphase, in welcher wir uns befanden, leicht ins Verklärende oder Idealisierende abgleiten kann. Trotzdem lassen sich zwei prägnante Unterschiede zur heutigen Situation festhalten:
So war zwar das Lehrer-Schüler Verhältnis nie völlig konfliktfrei, fußte aber auf etwas, was wir ein "inniges Verhältnis" nennen möchten, welches sich in einer starken Verständnisbereitschaft, in Kompromißfähigkeit und gegenseitigem Interesse zeigte. - Das zweite: Sowohl der passiven Teilnahme als auch der aktiven Gestaltung von unterrichtsexternen Veranstaltungen wie Theaterprojekten, Sport-AGs und musikalische Abenden wurde mehr Wert beigemessen. - Dabei soll nicht der Eindruck erweckt werden, daß für begeisterungsfähige und interessierte Schüler am Wilhelm-Gymnasium heute keine Angebote bestünden, - im Gegenteil, sie sind vorhanden; doch leiden sie zusehends unter steigendem Desinteresse weiter Teile der Schülerschaft.
Dieser Problematik liegt sicherlich nicht nur eine Ursache zugrunde, sondern sie entspringt mehreren Faktoren. Vielleicht der bedeutendste könnte der Zustand einer gewissen Identitätskrise am Wilhelm-Gymnasium sein. Lassen Sie uns versuchen, im folgenden diesen Begriff der "Identitätskrise" zu erläutern. In den letzten Jahren haben wir Schüler an unserer Schule in zunehmendem Maße das Gefühl von "gelebter Schule" vermißt. Immer weniger sehen sich die Schüler als aktiven und wichtigen Teil unserer Schule; sie ziehen sich in Teilnahmslosigkeit und Desinteresse zurück. Sie begreifen Schule nicht mehr als Ort einer Gemeinschaft, als Ort, an dem sie vor allem auch ihre menschliche Prägung erhalten, sondern in immer stärkerem Umfang nur als "Lernschmiede".
Hier müßte die Schule ansetzen, um den Schülern die Traditionen, also die Werte und Normen, für welche der Name "Wilhelm-Gymnasium" steht, zu vermitteln. Denn das grundlegende Problem ist nicht etwa, daß diese Werte nicht vorhanden seien, sondern daß es an der Information hapert, daß die Kommunikation und die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Schülern optimiert werden muß.
Dies zeigt
sich auch am Bespiel des "Club of Rome": Einige werden über dieses Thema
Bescheid wissen, die meisten wohl nur in rudimentären Umfang. Weitreichende
Informationen können und wollen wir an dieser Stelle nicht geben, nur so
viel: Die Kommunikationsdefizite wurden hier in so drastischer Weise deutlich,
daß sogar Teile der Lehrerschaft nur unzureichend Auskunft über das Prinzip
"Club of Rome" geben konnten. Eben diese Verwirrung um "Club of Rome" ist
es, die der Integrität unserer Schule in der momentanen Situation am meisten
schadet. Oberste Priorität muß damit die Tilgung eben jener Unsicherheit
sein, sowie die Bildung neuer Integrationsklammern, deren Entstehen von
der selbstbewßten Umsetzung der Leitgedanken des "Club of Rome" abhängt.
Erfolgversprechend könnte hierbei eine flexible und effiziente Kombination
alter Denkstrukturen und neuer Methoden sein. Wann immer wir als nunmehr
Ehemalige des Wilhelm- Gymnasiums unseren Beitrag zur Überwindung der momentanen
Problematik leisten können, werden wir aus Überzeugung mit anpacken!
Wir danken
allen Lehrern - auch wenn sie heute bedauerlicherweise verhindert sind
-, die uns angeregt haben, dcie unsere Neugierde und Motivation geweckt
und unsere Kreativität gefördert haben und im Sinne unseres humanistischen
Schulprofils dazu beigetragen haben, daß wir uns als Kosmopoliten zeigen
werden.
Rundschreiben an die Ehemaligen. - 6. April 2005
An die Mitglieder, Ehrenmitglieder
und Freunde unserer Vereinigung, -
insbesondere - wie alljährlich
- schon jetzt an alle, die von der Schule für den ersten Sonnabend im
September zum Abiturjubiläum eingeladen werden: die Abiturienten und Abiturientinnen
von 1935, 1945, 1955, 1965, 1975, 1980, 1985, 1995 und 2000.
Wie gewohnt: unser Rundschreiben zum Beginn des neuen Jahres, darin die übliche Bitte um die Überweisung des Jahresbeitrags, die übliche Einladung zur Hauptversammlung usw. usw., - alles diesmal ein wenig verspätet und am Ende: fast ein wenig langweilig.
Was man sich statt dessen wünscht? Was wir uns wünschen? - Ein "Mitteilungsblatt", wie früher üblich, ein Heft, das damals drei- oder viermal im Jahr an alle Mitglieder verschickt wurde und in dem reichlich Platz und - dies am wichtigsten - auch ein entsprechender Rahmen war für Beiträge der verschiedensten Art, von verschiedensten Autoren: über die Schule, über die Ehemaligen, über die Schulgeschichte, über Schulpolitik und vieles andere mehr. Das ist zur Zeit nicht zu finanzieren: Fast unser gesamter Jahresetat würde - bei der inzwischen viel größeren Zahl der Empfänger - allein für die Portokosten draufgehen. - Dabei ist nicht einmal sicher, daß das Interesse dafür besonders groß wäre. Die Schule produziert nämlich seit etwa einem Jahr ein solches Heft für die Eltern unserer Schüler und Schülerinnen, nicht sehr professionell hergestellt, aber immerhin akzeptabel und mit einigen guten und lesenswerten Beiträgen. - Unsere Erfahrung? - Wir haben den Ehemaligen mehrmals angeboten, ein Exemplar dieses Heftes kostenfrei per Post zu erhalten. - Ergebnis: fast null: eine einzige Anforderung. - Ähnlich ging uns uns mit den amerikanisch aufgemachten "Jahrbüchern", die ein paar Jahre lang an unserer Schule produziert wurden: Kein Interesse.
Woran es liegt? - Unser Sohn Stephan, erfolgreicher Computerfachmann, formuliert es so: "Die jungen Leute, - alle, die heute erfolgreich sind im Beruf, wollen kein Papier mehr, sie holen sich alles aus dem Internet." - Ich glaube ihm nicht, denn ein gut gemachtes Buch hat für die meisten auch heute noch einen ganz anderen Stellenwert als eine Internetseite. - In einem anderen Punkt allerdings - und daran denkt er auch - hat er gewiß recht: Was die Herstellung angeht, da ist jeder Text im Internet unendlich viel bequemer, unendlich viel aktueller und: immer fast kostenlos.
Wir haben uns, wie Sie wissen, darauf eingestellt und eine umfangreiche und gut funktionierende Homepage in Gang gebracht: www.ehemalige-wg.de; - die Zahl der dort publizierten Texte (darunter viele Edelsteine) ist inzwischen geradezu riesig, die Listen unserer Mitglieder und unserer Jubilare sind stets aktuell, und für alle, die es nutzen wollen, steht mühelos ein "Schwarzes Brett" zur Verfügung; - dazu, zum Vergnügen: 32 farbige Fotos von der Schule. - Unser Kummer dabei: Wir erreichen nur knapp die Hälfte unserer Mitglieder. Für alle anderen bleibt nur dieses karge Rundschreiben - und als Fernziel eben ein neues, vielleicht demnächst wieder realisierbares "Mitteilungsblatt" (s.o.).
Ein zweites: An alle, von denen wir eine e-mail-Adresse besitzen, schicken wir gelegentlich kurze aktuelle Nachrichten (nicht zu oft, um nicht lästig zu fallen), auch Hinweise auf längere Texte, die unter einer unserer Rubriken im Internet zu finden sind, aber auch hier erreichen wir wieder nur knapp die Hälfte unserer Mitglieder. - Daher unsere Bitte: Wenn Sie eine e-mail-Adresse haben, nennen Sie uns Ihre Adresse: Sie bekommen dann gelegentlich Nachrichten von uns, - und (dies ein zweiter Gesichtspunkt): Sie helfen uns damit, viel Geld und viel Arbeit zu sparen, weil wir Texte wie diesen Rundbrief Ihnen dann per e-mail schicken können: kein Porto, keine Arbeit beim Zusammenlegen, Eintüten, Sortieren usw.
Nach diesem leichten Lamento die üblichen Punkte:
(1) Jahresbeitrag 2005 (betrifft nur die ordentlichen Mitglieder). - Der Mindestbeitrag beträgt nach wie vor EUR 15,-- (für Mitglieder in Berufsausbildung EUR 5,--). - Ob wir Sie als "ordentliches Mitglied" führen, sehen Sie an der Mitgliedsnummer (12 ...) und auch am Ende dieses Schreibens; dort auch der Stand Ihrer Beitragszahlung. - Wir danken allen, die den Beitrag schon von sich aus überwiesen haben, z.T. mit erheblich erhöhten Beträgen, - und insbesondere allen, die zwar nicht Mitglied sind, aber von sich aus eine Spende geschickt haben. - Grundsätzlich stellen wir unaufgefordert für derartige Spenden und außerdem für jeden Eingang ab EUR 25,-- eine individuelle Spendenbescheinigung aus. Sollte diese Bescheinigung irgendwo nicht richtig eingegangen sein, so bitten wir um Entschuldigung und um eine kurze Nachricht; - ebenso, wenn uns sonst bei der Verbuchung ein Fehler passiert ist.
(2) Jubilare 2005. - Als Termin für das alljährliche Jubiläumstreffen hat sich seit mehreren Jahren der erste Sonnabend im September eingespielt, dieses Jahr also Sonnabend, 3. September. Seit dem vorigen Jahr ist zudem vereinbart, daß wir uns die Durchführung mit der Schule teilen: Wir, die Ehemaligen, übernehmen die Korrespondenz mit den Jubilaren, das Aufspüren fehlender Anschriften usw., - die Schule ist zuständig für die offizielle Einladung an ihre ehemaligen Abiturienten und für die Gestaltung des Jubiläumstages (Essen, Trinken, Führung durch die Schule usw.), - wobei auch hier ein gewisser finanzieller Zuschuß von unserer Seite möglich sein soll (sofern die Hauptversammlung dem zustimmt).
Alle, die in diesem Jahr zu unseren Jubilaren gehören, finden eine Liste ihres Jahrgangs im Internet (ehemalige-wg.de unter "Jubilare", dort allerdings ohne Anschriften und nur, wenn wir zu ihnen Kontakt haben). - Alle Beteiligten erhalten außerdem in den nächsten Wochen von uns eine vollständige Anschriftenliste ihres Jahrgangs, - mit der Bitte, uns bei Fehlern und Lücken Nachricht zu geben. - Und als Krönung kommt dann, vermutlich im Juni, die offizielle Einladung der Schule. - Auf den ersten Blick viel Aufwand, aber wer den Tag einmal erlebt hat, weiß, daß der Aufwand sich lohnt.
(3) Festschrift 1981. - In dem beigefügten Faltblatt lesen Sie, daß die Festschrift von 1981, in der damals aus Anlaß unseres Schuljubiläums die ersten hundert Jahre Wilhelm-Gymnasium dokumentiert wurden, restlos vergriffen ist. Wir haben in der Schule noch genau ein Exemplar, das reihum an Interessenten verliehen wird. Es liegt auf der Hand, daß wir versuchen wollen, das Buch nachzudrucken, eventuell mit Ergänzungen und Korrekturen (z.B.: Abiturientenlisten bis zur Gegenwart fortgeführt), aber im wesentlichen unverändert. Ein gutes Angebot der Druckerei Dürmeyer, die damals den Druck besorgt hat, liegt uns vor, aber - wir können es uns nicht leisten, ein finanzielles Abenteuer einzugehen.
Wir haben daher in einer Vorstandssitzung der "Ehemaligen" beschlossen, die Neuauflage nur dann in Auftrag zu geben, wenn die Finanzierung gesichert ist. Das bedeutet: Der Herstellungspreis muß im wesentlichen durch den Verkauf gedeckt sein. Bei einer Auflage von 1.000 Exemplaren, bei 1.000 verkauften Exemplaren und einem Preis von EUR 20,-- je Exemplar wäre die Sache geregelt. - Bei 500 Exemplaren sähe es schon schwieriger aus.
Es bleibt uns also nur der Weg über eine Art Subskription. - Die Aussichten scheinen uns nicht schlecht: Von den rund 600 Eltern, die jetzt einen Sohn oder eine Tocher am WG haben, besitzt kaum jemand ein Exemplar. Von den rund 600 Abiturienten, die nach dem Erscheinen der Festschrift das WG verlassen haben, auch kaum jemand. Und im nächsten Jahr, wenn das WG sich wieder in einer Festwoche präsentieren muß (125 Jahre Wilhelm-Gymnasium), gibt es sicher auch eine große Anzahl von Interessenten.
Das ist aber alles nicht sicher. Daher unsere Bitte: Wenn Sie bereit sind, nach Erscheinen der Neuauflage ein Exemplar zu kaufen, dann teilen Sie uns das mit:
entweder: per Post (Ehemalige WG, Klosterstieg 17, 20149 Hamburg);
oder: telefonisch (415 20 20;
47 88 29; 0177/251 98 59);
oder: per Fax (415 20 218);
oder: per e-mail (ehemalige@wilhelm-gymnasium.de);
oder: persönlich.
Wir werden die Vorbestellungen dann sichten und Ihnen Nachricht geben, ob die Neuauflage erscheinen wird, vermutlich schon ziemlich bald. - Sie könnten das Buch dann in der Schule abholen oder sich per Post zustellen lassen, wie Sie es wünschen. - Überweisen Sie aber bitte im Moment noch kein Geld für die Bücher, sonst müßten wir ggf. alles zurücküberweisen.
Sollten Sie allerdings helfen wollen, die Neuauflage der Festschrift durch eine Sonderspende zu finanzieren, dann überweisen Sie Ihre Spende auf das Sonderkonto, das wir zu diesem Zweck bei der Vereinsbank eingerichtet haben:
Ehemalige WG Sonderkonto Festschrift
Hypovereinsbank Hamburg (200 300 00): 252 30 251
Wenn aus dem Projekt trotz aller Bemühungen nichts wird, erhalten Sie die Spende zurück.
Der Schulverein und der Verein der Ehemaligen, die gemeinsam das Copyright für die Festschrift haben, können aus ihrem laufenden Etat die Finanzierung nicht bestreiten. Sie sind allerdings bereit, im Rahmen eines befristeten Darlehens eine vorläufige Finanzierung zu gewährleisten. - Wir hoffen sehr, daß das Projekt gelingt. Ohne die Hilfe aller Beteiligten (und das heißt hier: aller Interessierten) können wir aber nichts tun.
Geplant ist natürlich außerdem die Herstellung einer zweiten, vermutlich sehr viel schmaleren Festschrift, deren Thema die Entwicklung der letzten 25 Jahre und vor allem das Erscheinungsbild des Wilhelm-Gymnasiums im Jahre 2006 sein müßte. Manche schwärmen schon jetzt davon, wie man diese beiden Bücher - im hübschen Doppelpack und mit Banderole versehen - in der Festwoche verkaufen könnte.
Im Zusammenhang
mit der Festschrift übrigens ein später Dank an die Klasse, die damals,
vor etwa 25 Jahren, sich die Sache zu eigen gemacht hatte: Es war die ehemalige
10c, später Vc, die damals mit Elan, Phantasie, Begeisterung und Ausdauer
an die Arbeit gegangen ist: angefangen von der Sichtung und Sortierung
des umfangreichen und bis dahin gänzlich ungeordneten Archivmaterials (u.a.
an mehreren Wochenenden in unserem alten Schullandheim in Schobüll, mit
feierlicher "Archiveröffnung"), - über die eigentliche Herstellung der
Festschrift bis hin zu der legendären Ausstellung des gesamten Archivmaterials
während der Festwoche in der Pausenhalle (August 1981).
(4) Einladung zur Hauptversammlung:
Die nächste Hauptversammlung findet statt am
Donnerstag, 21. April 2005, 20.00 Uhr, im Wilhelm-Gymnasium
Tagesordnung:
1. Bericht des Ersten Vorsitzenden, Dr. Hans Nölting;
2. Bericht des Schatzmeisters, Dr Peter-Rudolf Schulz;
3. Bericht der Rechnungsprüfer;
4. Entlastung des Vorstandes;
5. Neuwahl des Vorstandes und der Rechnungsprüfer;
6. Besprechung über die weitere Arbeit der Vereinigung.
Nölting (Erster Vorsitzender)
Wie immer: herzlich grüßend,
mit Dank für Ihr Interesse: Schulz
Bescheinigung (zur Vorlage
beim Finanzamt):
Der Verein "Ehemalige Wilhelm-Gymnasiasten
e.V." ist nach dem letzten Freistellungsbescheid des Finanzamtes Hamburg-Mitte-Altstadt
(StNr. 17/422/09128; vom 8.5.2003) nach § 5 Abs.1 Nr. 9 des Körperschaftsteuergesetzes
von der Körperschaftsteuer befreit. - Wir bestätigen, daß wir die Zuwendung
nur zur Förderung der Erziehung (im Sinne der Anlage 1 - zu § 48 Abs. 2
Einkommensteuer-Durchführungsverordnung - Abschn. A Nr. 4) verwenden werden.
Nölting (Erster Vorsitzender) - Schulz
(Schatzmeister).
Wulf Rodewald (Abit. WG 1954): Ansprache an die Abiturienten, 21. Juni 2004
Mit der folgenden Ansprache hat jetzt - in ununterbrochener Folge - zum vierten Mal einer unserer Ehemaligen zu den frischen Abiturienten und Abiturientinnen gesprochen. - Der erste Redner (Juni 2001) war ein Biochemiker aus Konstanz, - der zweite (Juni 2002) ein Jesuit aus Rom, zugleich Professor für Neues Testament, - der dritte (Juni 2003) ein Journalist aus Hamburg, Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt, - der vierte (Juni 2004) nun also: ein Versicherungsfachmann aus Hamburg.
Wir versuchen, wie man sieht, durch die Auswahl der Redner zu dokumentieren, wie verschieden die Berufswege sind, die man nach neun Jahren Wilhelm-Gymnasium einschlagen kann.
Alle Ansprachen, mit Ausnahme der ersten, sind hier zu lesen; bei der ersten ging es leider nicht, denn der Redner hatte zwar ein Manuskript mitgebracht, hat dann aber - unter dem Eindruck der frischen Abiturienten - , sozusagen aus dem Stegreif, ganz anders geredet, als er es sich vorgenommen hatte.
Hier jetzt also die Ansprache des Jahres 2004:
Liebe Abiturienten, sehr geehrte Damen und Herren,
als erstes möchte ich Ihnen, den Abiturientinnen und Abiturienten, herzlich zum bestandenen Abitur gratulieren. Diesen Erfolg wollen Sie heute mit Ihren Eltern und Lehrern feiern, und ich freue mich, daß ich als "Goldener" Abiturient dabei sein kann, um deutlich zu machen, daß das Wilhelm-Gymnasium eine Schule mit langer Tradition ist.
Ich habe 1954 im altsprachlichen Zug Abitur gemacht, habe anschließend Mathematik und Naturwissenschaften studiert und dann als Mathematiker in einem Versicherungsunternehmen angefangen. Im Laufe des Berufslebens habe ich verschiedene Funktionen gehabt, bin aber in der Versicherungsbranche geblieben. - Kein ungewöhnlicher Lebenslauf also, es sei denn, man sieht es als ungewöhnlich an, daß ich als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums in der Versicherungswirtschaft gelandet bin, wo humanistische Bildung nicht gerade Voraussetzung für eine Karriere war. - Aber das ist eine besondere Geschichte.
In der Liste meines Abi-Jahrganges finden sich auch einige Professoren, und einer von ihnen wäre sicher ein besseres Beispiel dafür, wie weit man es als Abiturient des Wilhelm-Gymnasiums bringen kann. Aber Dr. Schulz meinte, nicht jeder von Ihnen wollte unbedingt Professor werden, - und ein akademischer Vortrag würde heute nachmittag auch nicht unbedingt besondere Begeisterung auslösen. - So ist mir die Rolle zugefallen, zu Ihnen zu sprechen, und ich will mich darauf beschränken, Ihnen einen Eindruck zu geben, wie ich vor 50 Jahren die Schule erlebt habe.
1954 also habe ich Abitur gemacht. - "Heute werden Sie ins Leben entlassen", hieß es bei unserer Verabschiedung. - Sie, die Abiturienten von heute, würden über einen solchen Satz wahrscheinlich lächeln. Denn mancher von Ihnen hat vom Leben außerhalb der Schule vermutlich schon mehr gesehen, als Ihre Eltern ahnen. Aber für uns war der Satz mehr als nur eine Floskel. Denn bis dahin beschränkte sich unser Erfahrungshorizont im wesentlichen auf die Schule. - Nun endlich konnten wir das Leben kennenlernen. - Wir probierten das auch gleich aus und zogen am Abend des mündlichen Abiturs gemeinsam einmal die Reeperbahn rauf und runter; - nein, von innen haben wir ein Stripteaselokal nicht gesehen, denn mit 19 waren wir damals noch nicht volljährig.
Die Schule, in den Jahren von 1948 bis 1954, in denen ich das WG besuchte, war geprägt durch die besondere Situation der Nachkriegszeit. Viele Lehrer waren als Soldaten im Krieg gewesen, aber kaum einer sprach über diese Zeit. Die Lehrer verhielten sich in dieser Beziehung nicht anders als unsere Väter, die - von Ausnahmen abgesehen - auch nicht über ihre Kriegserlebnisse und schon gar nicht über ihre politische Einstellung im Dritten Reich sprachen. - Und wir fragten auch nicht.
Die Welt, mit der wir uns im Unterricht beschäftigten, war nicht die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit, sondern die Antike. Den Ablauf des Peloponnesischen Krieges kannten wir besser als die Geschichte des 20.Jahrhunderts. Kam ein neuer Geschichtslehrer, fing er wieder bei den Griechen und Römern an. - Offenbar waren die Lehrer unsicher, wie sie die Nazizeit im Unterricht behandeln sollten.
Auch wir Schüler hatten das Dritte Reich und den Krieg ja noch bewußt erlebt. - Als ich 1941 in die erste Klasse der Grundschule kam, mußte ich - schon als sechsjähriger Knirps - zum Hitlergruß strammstehen, wenn der Lehrer die Klasse betrat, und im Unterricht sangen wir Marschlieder und "Bomben auf Engelland", - auch, als schon die Bomben auf Hamburg fielen u nd wir die Nächte im Luftschutzkeller verbrachten. - Vier Jahre später war das vorbei, - aber im Zeugnis gab es weiterhin Noten für Betragen und für Fleiß. - Die Lehrer waren ja noch dieselben.
Wahrscheinlich sind diese Kindheitserfahrungen die Erklärung dafür, daß wir - nach meiner Erinnerung - ziemlich ernste Schüler waren, - und: daß es uns nicht schwerfiel, uns anzupassen. - Ein Beispiel: Als unser Deutschlehrer eines Tages auf dem Weg zur Schule fast von einem Auto überfahren worden wäre, ließ er uns spontan einen Aufsatz schreiben, mit dem Thema: "Hat der Fußgänger noch Daseinsberechtigung?" - Und was meinen Sie, zu welchem Ergebnis wir kamen, damals, 1951, als es noch kaum Autos gab? - Daß es um die Zukunft des Fußgängers tatsächlich schlecht bestellt sei. - Wir wußten ja, was unser Lehrer lesen wollte.
Denn eines wurde uns nicht beigebracht: eine eigene Meinung zu vertreten und uns mit den Meinungen anderer kritisch auseinanderzusetzen. Einem Lehrer - als Autoritätsperson - zu widersprechen, war nicht nur unüblich, sondern für manchen Lehrer sogar ungehörig.
Übrigens machte ich dann auf der Universität und später im Berufsleben ähnliche Erfahrungen: Wenn man vorankommen wollte, mußte man sich anpassen. Widerspruch schadete der Karriere. - Zum Glück hat sich diese Einstellung im Laufe der Jahre gewandelt.
Neben Lehrern, die hohe Anforderungen stellten und deshalb nicht unbedingt geliebt wurden, gab es auch einige, bei denen uns der Unterricht Spaß machte. Einer davon war unser Erdkundelehrer, Dr. Cierpinski, der seinen Unterricht durch kleine Geschichten aufzulockern pflegte. Wir kannten sie alle auswendig. Eine handelte von dem Aufstand der Hereros, 1904, in Südwestafrika, der nach der Erzählung von Dr. Cierpinski dadurch ausgelöst worden war, daß die deutschen Kolonialtruppen Ochsen geschlachtet hatten, in denen nach den Vorstellungen der Hereros der Geist ihrer Großmütter steckte. - Wir sprachen uns nun vor der Erdkundestunde ab, daß wir heute - beispielsweise - wieder einmal diese Geschichte hören wollten. Wurde also im Unterricht gerade Grönland behandelt, so kam es darauf an, Dr. Cierpinski durch geschickte Fragen gedanklich langsam von Grönland weg nach Südafrika zu locken, bis er dann zum x-ten Mal die Geschichte vom Hereroaufstand erzählte. - Das mit möglichst wenigen Fragen zu erreichen, war für uns immer wieder eine Herausforderung.
Heute wird als vorrangiges Bildungsziel die Entwicklung der Persönlichkeit angesehen. - Damals stand die Wissensvermittlung im Vordergrund. - Und ich habe im Wilhelm-Gymnasium wirklich viel gelernt. - Wenn ich mir gelegentlich auf RTL die Ratesendung mit Günter Jauch ansehe, will meine Frau mich immer ermuntern, einmal mitzumachen: "Du könntest mit Leichtigkeit 125.000 Euro gewinnen", sagt sie dann, "bei deinem Wissen". - Das meiste davon ist Wissen aus der Schulzeit. - Ich werde mich trotzdem nicht melden. - Spätestens bei der Frage: "Wie heißt der Frontmann der Gruppe Smokie?" müßte ich passen.
Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich gern zur Schule gegangen bin. Offen gestanden: Ich weiß es nicht mehr. - Allerdings hatte ich, dank eines stengen Vaters ("Ohne Fleiß kein Preis!"), meist gute Noten und wenig Probleme mit der Schule. - Ob ich die Schule deshalb gemocht habe, kann ich nicht sagen. - Schlechte Erinnerungen habe ich jedenfalls nicht.
Ich habe aber Grund, der Schule zu danken, - zu danken dafür, daß sie mein Interesse geweckt hat für Literatur, für Geschichte und für fremde Sprachen. In der Beschäftigung damit und in der Musik fand ich den notwendigen Ausgleich zum nüchternen Berufsalltag.
Geblieben ist mein ganzes Leben lang die Begeisterung für die Antike. Einen Dialog von Platon zu lesen, heute auf Deutsch, bereitet mir noch immer Vergnügen, und wenn ich ans Mittelmeer reise, gilt mein besonderes Interesse den antiken Bauwerken, sei es in Italien, Spanien, Griechenland oder in der Türkei.
Gern erinnere ich mich an außerschulische Veranstaltungen, an die Klassenfahrten (die damals noch nicht ins Ausland gingen), an die zahlreichen Konzerte mit dem Schulchor, mit dem ich dreimal sogar auf dem Podium der Hamburger Musikhalle stand, und an die Aufführung der Antigone in griechischer Sprache (bei der übrigens die weiblichen Rollen ebenfalls von männlichen Darstellern gesprochen wurden, nicht nur, weil dies der antiken Aufführungspraxis entsprach, sondern auch, weil es Mädchen am Wilhelm-Gymnasium damals noch nicht gab). -
Ich wünsche Ihnen, den heutigen Abiturientinnen und Abiturienten, daß diegutenErinnerungen
überwiegen, wenn Sie in einigen Jahren an Ihre Zeit am WG zurückdenken.
-
Jetztist
Ihr Blick erst einmal nach vorne gerichtet, auf die Vorbereitung auf den
von Ihnen gewählten Beruf. - Als
wir 1954 die Schule verließen,
standen uns, im Zeichen des Wirtschaftswunders,
alle
Möglichkeiten
offen. - Da sind die Startbedingungen für Sie heute schwieriger. - Aber
mit Kreativität, Mut und Ausdauer werden Sie Ihren Weg schon gehen. - Dafür
wünsche ich Ihnen viel Glück und Erfolg.
Urkunde
zur Grundsteinlegung unseres neuen Oberstufengebäudes
Der folgende Text - eher ein kleiner Scherz - wurde für die kleine Feier zur Grundsteinlegung des neuen Oberstufenhauses gebastelt, wurde dort, am 23. Mai 2003, verlesen, auch ein wenig kommentiert, und zum Schluß - liebevoll gesetzt und gedruckt - in die Fundamente eingemauert.
Anno p. Chr. n. MMIII a. d. X. Kal. Iun. (23. 5. 2003),
cum Ole von Beust civitati liberae Hamburgensi praeerat,anno centesimo vicesimo tertio post quam haec schola,
cui postea ex Guilelmo primo Imperatore nomen inditum WilhelmGymnasium,
sub auspiciis Gustavi Henrici Kirchenpauer portas suas aperuit (25. 4. 1881),anno quadragesimo tertio post quam Henricus Landahl et Franciscus Bömer
his locis (Klosterstieg 17) primarium lapidem novis aedibus posuerunt
puerorum puellarum honeste liberaliterque docendorum educandorum causa (3. 7. 1961),hic, ubi quondam in arboribus umbrosis cantus avium audiebatur,
iterum primarium hunc lapidem novis aedibus posuimus,
quae superiorum classium labori ac instructioni dedicentur ac destinentur, -gratias referentes maximas senatui populoque Hamburgensi,
qui has aedes sumptibus publicis exstruendas curaverint.Adfuerunt magistri discipuli parentes, confisi triste ac difficile provisoriorum tempus
brevi finitum iri.Quod bonum faustum fortunatumque siet
Der Text, absichtlich
formuliert in der altertümlich-umständlichen Art lateinischer Urkunden,
besagt im einzelnen, daß
am 23. Mai 2003, lateinisch gezählt: am zehnten Tag vor den Kalenden des Juni, ante diem decimum Kalendas Iunias (wie es in falscher Grammatik heißt), - im Jahre 2003 nach Christi Geburt, anno bis millesimo tertio post Christum natum, - als Ole von Beust Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg war, -
im 123. Jahr, nachdem diese Schule (die nachträglich nach Kaiser Wilhelm I. den Namen Wilhelm-Gymnasium erhielt) unter der Amtsführung des Bürgermeisters Gustav Heinrich Kirchenpauer ihre Pforten geöffnet hatte, -
im 43. Jahr, nachdem Heinrich Landahl und Franz Bömer an dieser Stelle (Klosterstieg 17) den Grundstein für unser neues Schulgebäude gelegt hatten, auf daß daselbst "Jungen und Mädchen in Freiheit und Achtung vor ihrer Person unterrichtet und erzogen werden sollten" (Zitat aus der damaligen Urkunde), -
daß an diesem Tage also wir (gemeint: die Schulgemeinschaft des Wilhelm-Gymnasiums) - hier (gemeint: an der Stelle, wo noch vor kurzem der Bunkerhügel sich erstreckte und wo man "in schattigen Bäumen den Gesang der Vögel hören konnte" ... und in den Pausen natürlich das ausgelassene Lärmen unserer Sextaner) - wiederum diesen Grundstein für ein neues Gebäude gelegt haben, welches für die Arbeit und den Unterricht der oberen Klassen bestimmt sein soll..
Wir taten dies in Dankbarkeit gegenüber dem Senat und der Bürgerschaft von Hamburg, die dieses Haus auf Staatskosten haben errichten lassen.
Anwesend bei dem Festakt
waren Lehrer, Schüler und Eltern, - in der festen Zuversicht, daß die schwierige
Zeit ständiger Provisorien jetzt in Kürze beendet sein wird.
Dies alles möge gut, glücklich
und von Segen geleitet seinen Lauf nehmen!
Zur Übersetzung der Schlußformel QBFFS, oft mit dem Zusatz felix, also QBFFFS, vgl. die erste Seite aus den allerersten Schulnachrichten von 1881/1882 (Faksimile: Festschrift 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium, 1981, S.8). Schulz
Franz Bömer, den meisten, die ihn noch kennen, eher bekannt als "Prof. Bömer" - oder schlicht: "Bömer" -, ist am 27. Januar dieses Jahres in hohem Alter gestorben.
Franz Bömer: Wie war er ans WG gekommen? Er, "ein Katholik aus Bonn", wie es in einem Brief von damals, mit deutlicher Reserviertheit, noch heute zu lesen ist? -
Es war der damalige Oberschulrat Hans Wegner, der ihn sozusagen "entdeckt" hatte, - zuerst am Rande einer Tagung in Walsrode in der Lüneburger Heide, dann bei einem Altphilologentreffen in Paris. - Hans Wegner - vielen aus unzähligen Abiturprüfungen noch bekannt als ein rundlicher, gemütlicher, sichtbar gelassener, dabei durchaus souveräner Mensch, mit einigen Schrullen -, Hans Wegner hatte offensichtlich das sichere Gespür, in Bömer jemanden gefunden zu haben, der das WG aus seiner tiefsten Krise retten könnte. Man kann sich nur ausmalen, was er Bömer damals erzählt hat, um ihn für diese Aufgabe zu gewinnen: Das Wilhelm-Gymnasium, für viele das renommierteste (oder doch immerhin: das zweitrenommierteste) Gymnasium in Hamburg: am Rande des Aussterbens, weil der Senat ihm, nach Krieg, Ausbombung und Verlust des eigenen Gebäudes, kein neues Gebäude verschaffen wolle, weil die Schule, in wechselnder Untermiete, fern von ihrem eigentlichen Einzugsgebiet, nur noch dahinvegetiere, - und weil ihr die Schüler wegblieben. - Auf den ersten Blick also: keine verlockende Aussicht für einen Menschen aus Bonn. - Aber dann hat Wegner es offenbar doch geschafft, ihn zu überreden: Die Sache sei wichtig, und Bömer sei richtig ...
Es gab demnach, für heutige Verhältnisse kaum vorstellbar, keine Ausschreibung oder ähnliches, keine Bewerbung, sondern umgekehrt: die Behörde, vertreten durch Wegner, warb um ihn, den ausgesuchten Kandidaten, und versuchte, ihn zu gewinnen.
Bömer kam dann also, aus Bonn, - aber nicht, ohne vorher, der Form halber, eine Probestunde seines Unterrichtens ablegen zu müssen. - Mein persönlicher Anteil daran: Ausgerechnet meine Klasse, in der ich damals Schüler war, die G 13, kurz vor dem Abitur stehend, wurde ausersehen, diese Probestunde zu bestreiten. - Fach: Latein. - Unser Klassenlehrer und Lateinlehrer: Werner Rockel. - Er hatte, wie wir alle wußten, starke Ambitionen, selbst Schulleiter am WG zu werden (und hatte manches dafür getan). Nun sollte ausgerechnet seine Klasse zum Probeunterricht für den Fremden, den Mann aus Bonn, herhalten ... - Was er uns am Tage davor eingeschärft hatte für die Probestunde (besonders gut zu sein, - oder eher spröde zu reagieren), weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß mich persönlich die Sache so aufgeregt und so mitgenommen hat, daß ich am nächsten Tag krank war (und zwar wirklich, nicht vorgeschützt). - Ich fehlte also, habe die Probestunde nicht miterlebt, und weiß nur, daß Rockel hinterher meinte, es sei "eben eine übliche Lektürestunde" gewesen, "nichts weiter", - während andere sagten, hier habe jemand den Eindruck vermittelt, daß Unterrichten mehr sein könne als der übliche Lektüre- und Grammatikbetrieb, wie man ihn sonst gewohnt sei.
Bömer kam also ans WG, Mitte 1955, gerufen von der Behörde, mit manchen Widerständen rechnend, und machte seine Sache von Anfang an offenbar recht gut. Ich selbst war zu der Zeit nicht mehr am WG, studierte in Freiburg i.Br., erhielt aber gelegentlich Post von ehemaligen Lehrern, denen ich geschrieben hatte. Darunter Herbert Drude (den Brief habe ich heute noch): "Der neue Schulleiter regiert mit Weisheit und Zurückhaltung. Wir können nicht klagen." - Kann es eine größere Anerkennung geben für jemanden, der in schwieriger Zeit das schwierige und undankbare Amt eines Schulleiters auf sich nimmt?
Mehr soll hier jetzt nicht gesagt werden. - Alle, die das WG kennen, wissen, daß wir ohne Franz Bömer heute nicht am Klosterstieg säßen, - und daß es vielleicht sogar die Schule nicht mehr gäbe. - Dafür gebührt ihm Dank, - wobei freilich gesagt werden muß, daß die meisten, die heute am Klosterstieg ihren Dienst tun, als Schüler oder als Lehrer, von allen diesen Dingen nichts mehr wissen. - "Bömer? - Wer war denn das?" - So ist das in unserer schnellebigen Zeit.
Unser Vorsatz: Wir wollen versuchen, an dieser Stelle einiges aus der damaligen Zeit in Erinnerung zu rufen. Wir würden gerne, wie früher üblich, ein gedrucktes Heft daraus machen, aber dafür reicht das Geld nicht. - Daß es nicht darum geht, Bömer zu ehren, ist für alle klar, die ihn kannten. Aber es geht um das WG und um die Geschichte des WG. Und da spielt er nun einmal eine wichtige Rolle, auch als Person.
Es soll deutlich werden, wie er taktieren konnte, - mit welcher Beharrlichkeit und welchem Geschick er die Behörde, den Elternrat, die Ehemaligen (bei denen allen er, trotz seiner Reserviertheit in menschlichen Beziehungen, gute und einflußreiche Freunde und Mitstreiter hatte), für das gewinnen konnte, was er für wichtig hielt,- mit welcher Anteilnahme er sich in die Schicksale und Lebensläufe einzelner Kollegen einfühlen konnte, sichtbar vor allem bei den vielen Abschieds- und Trauerreden, die er zu halten hatte, - und - dies leider auch, das gebietet die Ehrlichkeit - , wie hart und kalt er gelegentlich Eltern gegenüber auftreten konnte, die schwierigere Kinder hatten - und sich mit der Bitte um Hilfe an ihn wandten.
Einiges von dem, was hier zu berichten ist, wurde bereits vor dreißig Jahren, 1974, aus Anlaß seiner Pensionierung zusammengestellt (Heft 48/49 unserer damals erscheinenden Mitteilungshefte; letzter Satz der Einleitung damals: "Auf jeden Fall dürfte für jeden unbefangenen Leser deutlich werden, daß diese zwei Jahrzehnte (1955 - 1974) mit all ihren Problemen in vielen Hinsichten eine ungewöhnlich reiche, interessante und intensive Epoche waren, in der es sich lohnte, dabeizusein.").
Es gibt aber auch einiges, was bisher nirgends veröffentlicht ist. - Beides soll hier, in bescheidener Auswahl, vorgelegt werden. Und, wie üblich, unser Angebot: Wer die alten Texte (Heft 48/49) jetzt nachträglich haben will, möge es uns mitteilen; wir schicken Ihnen dann ein Exemplar. -
Wir beginnen diese Dokumentation
mit einem Auszug aus Bömers Ansprache zum Dienstantritt.
(1) Aus der Ansprache zum Dienstantritt (16. April 1955; noch in Untermiete im Gymnasium Eimsbüttel, heute Kaifu): -
"Da wir heute das Glück und die Ehre haben, einen Vertreter der Schulbehörde unter uns zu wissen, so möchte ich gleich in meiner ersten Ansprache einen Wunsch äußern, der - das verspreche ich - von nun an auch von meiner Seite nicht mehr verstummen wird, wie weiland das klassische ceterum censeo des alten Cato, - und hier bitte ich, eine Minute Nachsicht mit dem Schulmeister der alten Sprachen zu haben, - das ceterum censeo also, das bekanntlich lateinisch überhaupt nicht, sondern nur griechisch überliefert, einmal in neuerer Zeit falsch ins Lateinische rückübersetzt worden ist und richtig heißen muß: ceterum censeo Karthaginem delendam, - ohne das immer wieder eingefügte esse: censere steht nämlich im Normalfall mit dem doppelten Akkusativ, und wie wir den alten Cato kennen, hat er sich in seiner lapidaren Sprache das esse sicherlich geschenkt, - - und in diesem ceterum censeo bitte ich auch die Elternschaft um ihre Unterstützung, ich meine, in dem Ruf nach besseren Schulräumen, ja, nach einem anderen Gebäude. - Ich muß gestehen, daß ich seit der Währungsreform ein Schulgebäude in so schlechtem, für die mir bekannten rheinischen Verhältnisse einfach unvorstellbarem Zustand noch nicht gesehen habe."
Jeder kann sich vorstellen, mit welchem Genuß, vielleicht verklärt lächelnd, die Zuhörer sich diese kleine, etwas verschrobene Lektion in lateinischer Syntax angehört haben, - und wie, was die Sache angeht, sich so manch einer gesagt haben mag: Hier muß jetzt dringend etwas getan werden, hier, jetzt, sofort ... -
Beides war hinfort von Bömer zu erwarten, untrennbar: Beharrlichkeit im
aktuellen Kampf um die Schule, ständige Suche nach kompetenten Mitstreitern,
- dies alles aber gleichsam imprägniert und immer wieder versetzt mit griechischen
und vor allem lateinischen Zutaten, - die für jeden, der es hören mochte,
das eigentliche Aroma ausmachten, - und die, darüber hinaus, ständig daran
erinnerten, worum es eigentlich ging. - Er verstand es, wie keiner vor
ihm und keiner nach ihm, nicht nur auszusprechen, sondern zu vermitteln,
spürbar zu machen, wo die geistige Heimat des Wilhelm-Gymnasiums
angesiedelt sein sollte.
(2) Bömer, Schobüll und die Schüler. -
Auf den ersten Blick eine absurde Zusammenstellung. - Nicht auf den zweiten. - Lesen Sie, als kleines Beispiel, die lustige Episode auf den Fluren von Eimsbüttel, die Annette Otterstedt, als Reaktion auf unsere letzten Texte, spontan für unser Schwarzes Brett aufgezeichnet hat: Bömer und ein Sextanerkind, beide angriffslustig, beide munter, beide auf Streit gefaßt, geschliffen und schlagfertig miteinander redend, dann natürlich: in verschiedene Richtungen verschwindend, aber: beide glücklich über den gelungenen Schlagabtausch: So war das damals, kurz vor unserem Umzug zum Klosterstieg. - Eine andere Reminiszenz (brieflich): Die strenge Hausordnung, erst in Eimsbüttel, dann aber vor allem am Klosterstieg, verlangte, daß die Schüler in den Pausen die Klassen verließen und auf den Hof gingen. Keiner durfte in der Klasse bleiben! - Dies natürlich die willkommene Einladung und Herausforderung an die Schüler, sich überall in den Klassen und auf den Fluren zu verstecken und uferlose Geländespiele mit den aufsichtführenden Lehrern zu beginnen. - Hier nun die Erinnerung in dem genannten Brief: - Was tat Bömer? - "Mit sichtbarem Vergnügen, dabei aber durchaus streng und gebieterisch", habe er die Übeltäter hinter Vorhängen, Türen, auch aus Schränken hervorgezogen, - und zur Strafe "an den Koteletten gezwirbelt" (was "durchaus ein bißchen weh tun konnte"), - wohl wissend, daß sie sich am nächsten Tag wieder verstecken würden.
Er kannte sie übrigens alle, nicht nur ihre Gesichter und ihre Namen. - Und das hing mit Schobüll zusammen, unserem Schullandheim, bei Husum, am Wattenmeer, auf dem Schobüller Berg, im Schobüller Wald. - Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, fuhr er Jahr für Jahr dorthin, mit den neuen fünften Klassen und ihren Lehrern, manchmal zwei-, dreimal, - und hinterher kannte er sie dann, alle. - Wie oft er insgesamt dort gewesen ist, läßt sich schwer ausrechnen, sicher weit über 50 mal, und irgendwie ist es seine zweite oder dritte Heimat geworden (neben Rom, wohin es ihn immer wieder zog).
Es gibt ein kleines Textdokument, in dem vieles aufgehoben und ausgesprochen ist, was ihn - und nicht nur ihn! - mit diesem Schullandheim in Schobüll verbunden hat: seine Ansprache bei der Beisetzung von Hans Paulsen (der, als Hausmeister, Heimleiter, oder wie man es nennen mag, zusammen mit seiner Frau, das Heim jahrzehntelang betreut hatte). - Datum: 9. Sept. 1966:
"Weil er bei seiner Arbeit die Liebe zur Jugend dazugegeben hat, waren für uns und für viele tausend Hamburger Kinder das Heim und Paulsens fünfzehn Jahre lang unzertrennlich, ein und dasselbe, das Dorf und die Nordsee, die Geest und das Watt, der Wind und der weite Himmel, der Regen und der Grog am Abend, das Geschrei einer lebensfrohen und ausgelassenen Jugend, für die er so viel Verständnis hatte. - Für die Schüler bedeutete seine Arbeit das Zusammenleben mit Gleichaltrigen, ein Stück Nordfriesland und wohl auch oft ein Stück sextanerhafter Räuberromantik, - und später die ein wenig sentimentale Erinnerung an eine schöne Zeit, - die in vielen Jungen und Mädchen mit die dauerhaftesten Erinnerungen ihrer jungen Jahre geprägt hat, - und die für manche sogar zu den schönsten Tagen ihres Lebens gehört hat."
Es ist wie so oft bei solchen Texten: Man erfährt viel über den, von dem
die Rede ist, - zugleich aber genau so viel, oft viel mehr, über den, der
den Text geschrieben hat ...
(3) Ansprache zumTode von Dr. Walter Gerhard. -
Es ist nicht geplant, es ist schlicht mit dem Fortgang der Texte in dieser Dokumentation verbunden: Die erste Ansprache, die Bömer, August 1955, nach dem Ende der Sommerferien, nur wenige Monate nach seinem offiziellen Dienstantritt, in der Aula der Schule Kaiser-Friedrich-Ufer, halten mußte, - war die Ansprache zum Tode eines seiner Kollegen: Dr Walter Gerhard, der sich, gerade am ersten Tag der Sommerferien, das Leben genommen hatte. - Der Text dieser Ansprache erscheint jetzt hier (sorgfältig und gewissenhaft aus dem alten Redemanuskript abgeschrieben) am frühen Morgen des 5. Februar 2004: genau an dem Tag, an dem Bömer selbst auf dem kleinen Friedhof an der Kirchenstraße in Garstedt beigesetzt wird:
"Wenn ich heute die Ehre und die Aufgabe habe, zum letzten Male vor Ihnen, verehrte Angehörige, und vor der Schulgemeinde über unseren verstorbenen Kollegen Dr. Walter Gerhard zu sprechen, so möchte ich und muß ich zu Beginn Ihre Gedanken um einige Monate zurückrufen.
Es war Sommer; wir hatten draußen in Ohlsdorf unseren auf so tragische Weise aus unserer Mitte gerissenen Kollegen Dr. Lenthe zu Grabe getragen, und nach der Gepflogenheit unserer Schule, die durch die zahlreichen Todesfälle der letzten Jahre zu einer leider schon häufiger gewordenen Tradition geworden war, waren wir am 30. Juni dieses Jahres hier, in der Aula, versammelt, um die Gedenkfeier für ihn zu begehen. - Die Ansprache des Tages hielt damals der Mann, dem die heutige Feier gilt: Dr. Walter Gerhard.
Acht Tage nach dieser Feier war er selbst nicht mehr unter den Lebenden: Da standen wir wieder draußen in Ohlsdorf, dieses Mal nur ein kleiner Kreis: seine Angehörigen, seine Freunde - und wir, einige vom WG: wenige, nicht viele, - denn es waren Sommerferien, nur wenige Kollegen, kaum einige Schüler erreichbar; auch von seiner Klasse 9a waren fast alle verreist: nur ganz wenige hatten vom Tode ihres Klassenlehrers erfahren ...
Mir aber, der ich ihn noch nicht drei Monate gekannt hatte, wurde die Aufgabe zuteil, damals an seinem Sarge und heute vor der Schulgemeinde zu sprechen. - Und als ich mir in den 24 Stunden, die mir damals im Juli blieben, zwischen dem Empfang der Nachricht und der Trauerfeier in Ohlsdorf, meine Gedanken für die Ansprache an seinem Sarge sammelte, ..., da kam mir immer wieder seine Ansprache auf unseren Kollegen Lenthe in den Sinn, die gerade erst vierzehn Tage alt war und die uns allen noch so lebendig vor Augen stand.
Ihr alle wißt es noch, wie er hier, genau an dieser Stelle, stand, wie er das Bild seines Kollegen Lenthe noch einmal vor uns entstehen ließ, - wie er über das Märchen vom Gevatter Tod sprach, über den Gevatter, mit dem man ja doch auf vertrautem Fuß steht oder stehen soll, - und der - hätten wir ihn sehen können - damals schon hinter ihm stand und seine Hand ihm auf die Schulter gelegt hatte, - ohne daß einer von uns es wußte.
Diese Ansprache war eine seiner ganz großen Schöpfungen, war zum letzten Mal vor der ganzen Schulgemeinde der ganze Dr. Gerhard, wie wir ihn auch noch von seiner Rede zum Todestage Schillers im Gedächtnis hatten. Diese Rede war, wie so vieles, was er seinen Schülern gab, ein Werk seiner durchwachten Nächte, die Leistung eines Meisters der deutschen Sprache und die Schöpfung eines, ich darf wohl sagen, begnadeten Geistes. ...
Sie, meine Kollegen, und ihr, liebe Schüler, besonders ihr, die ihr seine Schüler wart, habt ihn besser gekannt als ich, und wenn ich im folgenden ein Bild zeichne, das vielleicht nicht immer ganz dem entspricht, das vor euch steht, so geschieht das zum einen Teil, weil ich die Stunden fast zählen könnte, die ich von Ostern bis zum Beginn der Ferien mit ihm gesprochen habe, - zum andern Teil aber auch, um vielleicht doch hier und da einen Zug hinzuzufügen und euch die Gestalt eines Mannes, der euer Lehrer war - und für den dieser Beruf als Lehrer so viel bedeutete -, umso tiefer einzuprägen.
Über seine Vorstellung von Unterricht schreibt er selbst einmal: "Ich habe häufig meine Methode geändert. ... Es war ein Weg fortschreitender Auflockerung, den ich in meinem Unterricht eingeschlagen habe ..." - In der Tat: Sein Unterrricht war das Selbständigste, aber auch Eigenwilligste, was mir in meiner Tätigkeit begegnet ist. - Das ist keine Kritik, noch weniger ein Tadel. Nur ein Lehrer ohne eigene Ideen unterrichtet nach einem festen Schema. - Er, Gerhard, hat seine eigene Arbeit immer wieder überprüft, immer wieder korrigiert, oft in übertriebener Gewissenhaftigkeit ...
So heißt es einmal von ihm: "Wenn einer, dann hob er sich aus der Zahl der vielen heraus: durch seinen Geist, durch seine Beweglichkeit, durch sein oft schroffes Urteil dem Unvermögenden gegenüber, bei dem es für ihn keinen Kompromiß gab, - auch wenn der Unvermögende eine höhere Stellung einnahm."
So hat er nicht nur Freunde gehabt; er ist sicherlich oft auch nur schwer verstanden worden, und wie schwer er oft verstanden wurde, von denen, die ihm nicht folgen konnten, das zeigt die andere Seite, wenn wir nämlich in diesen ersten Jahren hören oder lesen, daß er (der, wie ich weiß, in Hamburg als einer der tüchtigsten Germanisten galt) von seinen Vorgesetzten als "höchstens brauchbarer Lehrer" bezeichnet wird. - Es lohnte sich beinahe, einem solchen Problem einmal genauer nachzuspüren.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten (ich glaube, er hat immer seine Schwierigkeiten gehabt, das lag wie eine Tragik über ihm, und deswegen hat er auch seinen Kollegen Lenthe in seiner jugendlichen, oft jungenhaften Unbekümmertheit und Unmittelbarkeit so liebevoll gezeichnet, weil der in vielem, in beinahe allem, der Gegensatz zu ihm war, - er selbst dagegen: bis zum Empfindlichen empfindsam, gar nicht unmittelbar, sehr reflektiert, von starkem Selbstgefühl, das häufig einem Gefühl der Niedergeschlagenheit Platz machte) - nach anfänglichen Kämpfen also ist er schon vor seiner Ernennung zum Studienrat, die 1940 erfolgte, einer der anerkannt fähigsten Germanisten ...: "Er erteilt seinen Unterricht mit größter Gewissenhaftigkeit, vorzüglicher pädagogischer Begabung und großem Erfolg. ... Seine Ziele ...: hochgesteckt, und das Niveau seines Unterrichts: von beachtlicher Höhe" (so, 1939, Fritz Lundius, Schulleiter am WG).
Mit dem Krieg, dessen spätes Opfer er schließlich geworden ist, brach dann die Katastrophe über ihn herein: ... 1940 und 1941: in der Kinderlandverschickung verwendet; dann mußte er, im Januar 1942, seine Familie verlassen (er hatte 1937 geheiratet und hatte zwei Kinder) und Soldat werden, an der Ostfront. - Was dies für den feinnervigen und sensiblen Ästheten Gerhard bedeutete, werden, glaube ich, nur wenige ermessen können, wird vielleicht keiner sich vorstellen können, der nicht den Krieg kennt, der im Osten mit aller nur erdenklichen Brutalität geführt wurde.
Im Mai 1944 ist er bei Luminetz im Partisanengebiet des Mittelabschnitts der Ostfront durch eine Tellermine schwer verwundet worden: Er erblindete zunächst völlig, bis schließlich die ärztliche Kunst die Sehkraft des rechten Auges, das aber noch zehn Jahre später in ständiger Gefahr schwebte, zur Hälfte wiederherstellen konnte.
Nach 1945 entließ ihn die englische Besatzungsmacht aus seinem Amt, "weil er zwischen 1933 und 1945 Beamter geworden war". - Die gleiche Besatzungsmacht steckte diesen schwer kranken und durch seine Verwundung seelisch oft nervös empfindlichen Menschen von August 1945 bis Februar 1946 in ein Internierungslager, - ohne daß er sich von seinen Angehörigen verabschieden konnte - und ohne daß er in den nächsten acht Wochen die Möglichkeit hatte, sie zu benachrichtigen.
Als er dann, im Jahre 1947 ans Wilhelm-Gymnasium kam, war er, das darf man wohl sagen, ein gebrochener Mann ... Seine Kriegsverletzung, die schweren Erlebnisse der Nachkriegszeit, dazu noch ein - wie er glaubte - geradezu beschämender Kampf um die Berücksichtigung seiner Kriegsverletzung, ... all das vernichtete die letzten physischen und psychischen Reserven dieses Mannes. ... Er war sogar seelisch ein anderer geworden. Wenn er schon früher ein Individualist war, so wurde er jetzt ein Einzelgänger: Die Erfahrungen, die er mit den Menschen gemacht hatte, ließen ihn sich immer mehr von ihnen zurückziehen. Und es ist sicher kein Zufall: einen Gleichaltrigen, dem er sein Herz öffnete, hat er nicht gehabt.
Diese tragische Einsamkeit, in die er sich flüchtete, konzentrierte alle seine Kraft auf seine Arbeit, auf seinen Beruf. So arbeitete er die Nächte durch, fand wochenlang kaum oder nur wenig Schlaf, arbeitete stundenlang an seinem Unterricht für den folgenden Tag oder für das kommende größere Gebiet, - was dann auch dazu führte, daß sein Unterricht eine Höhenlage, eine Durchdringung des Stoffes ... an den Tag legte, wie er nur in seltenen Fällen erreicht wird. Er korrigierte stunden- und nächtelang an den Aufsätzen seiner Schüler, wobei er in oft übergewissenhafter Weise auf Einzelheiten einging, die die Schüler, aber auch die Eltern und Fachkollegen, immer wieder in Erstaunen versetzte. - Und schließlich schrieb er in diesen Nachtstunden Gedichte, wenn er ganz mit sich allein war.
Diese seine Physis - an der Grenze zwischen Genialität, Willen zur Leistung, Sensibilität, Feinnervigkeit - ist dem, was unser Jahrhundert von seinen Menschen zu verlangen pflegt, - nach allem, was er in den Jahren 1944 bis 1947 erlebt hatte, am Ende nicht mehr gewachsen gewesen.
Und so liegt über dem Zusammenbruch, der am 7.Juli über ihn kam (genau an dem Tag, an dem die Jugend, mit der und für die er lebte, sorglos in die Ferien ging), eine schwere menschliche Tragik, der gegenüber wir nichts tun können, als uns in Ehrfurcht und Schmerz zu beugen, - dem gegenüber, der einen Menschen unter ein solches Schicksal stellt.
Lassen Sie mich mit einem persönlichen Gedanken schließen. Dieser hat unserem Kollegen Gerhard, soweit ich ihn kenne, vielleicht ferngelegen, mich aber hat er immer wieder berührt, wenn ich dieses tragische Schicksal überdachte. - Ein antiker Schriftsteller hat es einmal als elementares menschliches Bedürfnis bezeichnet, memoriam sui quam maxumam efficere; so oder ähnlich muß es bei Sallust stehen: Es ist eine Art Streben nach Unsterblichkeit, nach menschlichen Begriffen gemessen: das Bestreben, die Erinnerung an sich möglichst lang zu gestalten.
Was ist aber heute eine solche Erinnerung, über Zeiten und Räume hinweg?
- Cicero glaubte, schon der Kaukasus begrenze gloriam nominis Romani:
Wir
leben in dieser Hinsicht heute in noch engeren Grenzen. - Aber können wir,
seine Kollegen, und ihr, seine Schüler, ihm dies nicht schenken, heute
und über dieses Jahr hinaus, vielleicht für die Schulzeit, vielleicht fürs
Leben: sein Bild in der Erinnerung wachzuhalten: das Bild dieses hochbegabten,
oft mitreißenden, noch öfter einsamen und so tragisch unglücklichen Menschen,
der Dr. Walter Gerhard hieß ...?"
(4) In der neuen Umgebung: das WG am Klosterstieg. -
Vor diesem Passus müßte eigentlich eine Ansprache stehen, die Bömer, kurz zuvor, in der Aula des Gymnasiums Eimsbüttel (heute: Kaiser-Friedrich-Ufer, "Kaifu"), gehalten hatte: "Wir haben's getragen zwanzig Jahr", - gemeint: die Zeit des "Exils", - Jahre der Untermiete: erst im Gebäude der Albrecht-Thaer-Schule am Holstenwall, - danach: im Gymnasium Eimsbüttel. - Schlimme Jahre, wie er sagte. - Mein persönlicher Eindruck (ich war damals Schüler am WG, erst am Holstenwall, dann in Eimsbüttel, wo ich dann auch Abitur gemacht habe): So schlecht waren die Gebäude denn doch nicht, so unerträglich war auch das Leben dort nicht, zumindest nicht für uns Schüler. - Bei allem, was mir noch in Erinnerung ist: Die Gebäude, erst also die Schule am Holstenwall, dann das Gymnasium Eimsbüttel, habe ich in eher guter Erinnerung (obwohl ich zu meiner ersten Schule jeden Morgen fast eine Stunde zu Fuß laufen mußte): Albrecht-Thaer-Schule: ein wundervoller Bau, mit einem Lichthof und einem Treppenhaus, das es sonst nur noch einmal in Hamburg gab (kein Wunder: beides, das uralte Gebäude des Wilhelm-Gymnasiums an der Moorweidenstraße und die Albrecht-Thaer-Schule sind Werk desselben Architekten, haben die gleiche Architektur, die gleichen Ausmessungen, den gleichen Lichthof, das gleiche Treppenhaus usw.), - und die Architektur des Gymnasiums Eimsbüttel (heute: "Kaifu"): auch nicht gerade schlecht.
Also: Kein Einstimmen in das damals übliche Lamento über die grauen Jahre des Exils? - Von mir aus: tatsächlich nicht so, wie es überall geschrieben wurde: Wir Schüler konnten damit leben ... - Sobald man aber auf das sieht, was danach kam, wovon wir uns nichts träumen ließen, weil wir keine Vorstellung davon hatten: das ganz neue Leben am Klosterstieg, vielleicht denn doch: Der Einzug in die endlich fertiggestellten Gebäude am Klosterstieg bedeutete für alle, die damals dabei waren, einen Glückstaumel, der jetzt nur noch schwer nachempfunden werden kann. - Alles, das gesamte Schulleben, war plötzlich verwandelt, herrlich, wie ein Wunder. -
Nebenbei, als Hintergrund, als besondere Botschaft, für manche kaum verständlich: Der Hamburger Senat hatte sich bereitgefunden, genau dieses Grundstück für unser WG zu erwerben. - Wer einen Hamburger Hausmakler kennt, weiß, was das bedeutete, damals wie heute: Etwa die teuerste und begehrteste Immobilie in Hamburg, das "Filetstück" des Hamburger Grundstücksmarktes: direkt an der Alster, - noch dazu:schwierigste Auseinandersetzungen mit Vorbesitzern ... usw. usw. - In der Tat waren viele Verhandlungen zu führen: mit dem NDR, der dort seine Garagen hatte, mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, deren Kirche gerade auf diesem Gelände stand, mit dem Roten Kreuz, mit dem Standortkommando, mit mehreren Anwohnern, die ihre Rechte geltend machten usw. usw. - Warum es am Ende doch geklappt hat, ist nirgends dokumentiert - Aber eins ist sicher: Es hat von allen Seiten viel Energie und noch mehr guter Wille dazugehört, dieses Ziel zu erreichen, - und beides war offensichtlich vorhanden, bei allen.
Nun aber wieder Franz Bömer, der - aus manchen seiner Reden bekannt als energischer Kriegsgegner - sich eine kleine, spöttische, bissige, hämische Nebenbemerkung denn doch nicht ganz versagen mochte, - bei aller Freude, Erleichterung und Begeisterung, die ihn erfüllte: "Kosten insgesamt: nicht ganz der Preis für einen Düsenjäger ...".
Heft 34, 1964: "Es gibt wenig Ereignisse aus dem Schulleben, die man nie vergißt. ... Der 7. Mai 1964, Himmelfahrtstag, 775. Geburtstag des Hamburger Hafens, Überseetag in Hamburg, - war für uns ein Ereignis von solcher Bedeutung. - Am 6. Mai hatten wir das Packen am Kaiser-Friedrich-Ufer beendet, - am 8. Mai zogen wir an die Alster. - Der 7.Mai bedeutet Trennung und Wende.
Was wir in diesen Tagen und seit diesen Tagen erlebt haben, soll hier für die Geschichte der Schule auf einigen Seiten festgehalten werden, - denen, die dabei waren, als Blatt der Erinnerung, den Ehemaligen, den Eltern und den Freunden der Schule als Zeichen der Dankbarkeit für ihre Hilfe, - und als Aufforderung zu umso festerem Zusammenhalt für die Zukunft.
Der Einzug fand ohne jedes Zeremoniell statt, sozusagen en famille ... - Wir haben uns schlicht auf den Schulhof gestellt, einige Lieder gesungen, ein wenig musiziert, und dann sind wir an die Arbeit gegangen. So brauchten wir uns nicht selbst zu feiern, selbst, wenn wir es gewollt hätten ...
Wir wohnen auf einer Insel der Ruhe ... Es gibt keinen Straßenlärm ... Die Fenster sind mit Doppelglas versehen, die Heizung scheint ausreichend zu sein ... Je sechs Klassen haben ein eigenes Treppenhaus, dessen Front ganz aus Glas besteht, es ist geräumig und wunderbar hell. - Die berühmten kasernenartigen Schulflure gibt es nicht mehr. - Der Fachklassentrakt auf der anderen Seite des Schulhofes: von ungemeiner Großzügigkeit und Zweckmäßigkeit usw. usw.
Baudirektor Rudhard, der uns in den vergangenen Jahren immer wieder geholfen
hat, besuchte uns kurz nach dem Umzug und entsann sich, nach einem Rundgang,
eines Ausspruchs von Churchill: 'Erst bilden wir die Räume, und dann bilden
die Räume uns.' So oft ich Gäste und ehemalige Schüler durch die neuen
Räume führe, muß ich an diese Worte denken. - Nicht, daß in so schönen
Räumen nun auch gleich so viel schöner gelernt oder auch nur gearbeitet
würde. Das wäre ein Rezept, würdig zusammen mit dem Nürnberger Trichter
genannt zu werden. - Aber dies darf man doch sagen: Das Leben ist für mehr
als 350 Menschen - und in Zukunft werden es noch mehr werden - heller,
froher, weiter und schöner geworden. - Mehr läßt sich, glaube ich, zum
Lobe unserer neuen Umgebung nicht sagen."
(5) Nun auch dies: Ideen durchsetzen, neue Schüler gewinnen, Verhandeln mit der Behörde, Wiedereinrichtung eines zweiten Zuges am WG: Einführung des Französischen. -
Es liest sich fast wie ein cantus firmus: Immer, wenn dem WG die Schüler ausbleiben, aus welchen Gründen auch immer, wird ein neuer "Zug" geboren, der dann viele neue Schüler an die Schule locken soll - und es mit schöner Regelmäßigkeit auch tut... - So war es z.B. in den zwanziger Jahren, als der "Deutsche Zug" eingeführt wurde. - So auch jetzt. - Schließlich sollten die schönen neuen Gebäude am Klosterstieg nach dem Einzug nicht halb leer bleiben. - Bömer, listig, wie er war, hatte durchaus Ideen, wollte neben dem Griechischen das Französische als dritte Fremdsprache etablieren, - aber er wußte, daß bei der Behörde nur dann etwas zu erreichen war, wenn man die Eltern einschaltete (was er auch immer offen bekannte). - Jetzt also: der Elternrat. - Vorsitzend und federführend: Dr. Oswald Heddaeus, selbst ehemaliger Schüler des WG. - Erfolg übrigens (dies schon jetzt): 80 Anmeldungen für die neue Sexta.
Es gingen also, unter der Federführung von Oswald Heddaeus, schon im Jahre 1962, viele Briefe an die Behörde, immer wieder nachhakend, nicht locker lassend, - bis endlich die Antwort kam, Januar 1963. - Noch einmal, zum letzten Mal, Oberschulrat Wegner, mit der ersehnten Botschaft: "... kann ich Ihnen heute mitteilen usw.". - Heddaeus: "Die Behörde entsprach genau unserem Antrag: Beide Züge (der Französisch-Zug und der Griechisch-Zug) laufen heute parallel, und die Französisch-Klassen sind aus dem Bild des WG nicht mehr fortzudenken."
Das folgende zitiert aus einem Beitrag, den Heddaeus 1981, als Erinnerung, für unsere Festschrift verfaßt hat (S. 237): "Wichtig für die Beurteilung unserer gesamten Arbeit scheint mir noch folgendes: Der Elternrat war eine Gemeinschaft von Lehrern und Eltern, die den Erfolg der Arbeit durch gemeinsames Zusammenwirken erst ermöglichte. Von der Lehrerschaft möchte ich in erster Linie Prof. Bömer erwähnen, der nicht nur hochqualifiziert war, sondern auch unendlich viel geben konnte, wenn man auf der gleichen Wellenlänge mit ihm lag (was bei den Mitgliedern des Elternrates eigentlich immer der Fall war). - Er wurde im Elternrat vorzüglich ergänzt durch Herrn Zinke, der mit praktischem Blick und sauberer Überlegung das in in die Tat umsetzte, was Prof. Bömer und wir Eltern in genialem Schwung erdacht hatten. - Der dritte der am Elternrat beteiligten Lehrer war Dr. Grobmann, der sich durch seine Formulierungskunst und sein Einfühlungsvermögen auszeichnete."
Postscriptum: Nur wenige werden es noch wissen: Ganz ähnlich, mit fast
gleicher Zusammenarbeit, verliefen um 1972, also zehn Jahre später, die
Aktionen, die dann zur Errichtung des Musiksaales und der Pausenhalle führten.
Von seiten der Schule: immer noch Bömer; im Elternrat jetzt natürlich neue
Akteure, die, ähnlich geschickt agierend, ähnlich beharrlich wie ihre Vorgänger,
mehr für unsere Schule bewirkt haben, als vielen heute noch bewußt ist:
Heino von Hassel und Horst Markus. - Im Jahre 1973 war beides fertig: der
Musiksaal und die Pausenhalle.
(6) Nach drei Jahren am Klosterstieg: Ansprache an die Abiturienten 1967 (4. März 1967):
" ... Wir sind sozusagen miteinander aufgewachsen: Ich habe vor neun Jahren angefangen, zusammen mit Ihnen Latein zu treiben, in Klasse 7 auch Geschichte. - Später sind wir uns, nach einer Unterbrechung von drei Jahren, in Klasse 11 wieder begegnet, im Griechischen, - und dann zog es mich doch wieder zum Lateinischen hin, weil mein Herz ... schließlich doch dem Lateinischen gehört, seiner Sprache, seiner Kultur und seiner Geschichte.
Wenn sich nun nach dieser langen Zeit heute unsere Wege trennen, so ist
nicht so sehr das Recht, sondern die Pflicht des Lehrers, der am längsten
in dieser Klasse unterrichtet hat, zu den Abiturienten auch die Worte des
Abschieds zu sprechen und ihnen so etwas wie einen Rechenschaftsbericht
zu geben. - Lassen Sie mich einige, aber auch nur einige der Grundgedanken
des Unterrichts, den wir Ihnen in diesen Jahren erteilt haben, darlegen,
mehr nach stichwortartigen Regeln unserer Praxis als nach einem kompletten
System dogmatischer Prinzipien:
(1) Wir haben keinen Grund, Dinge deswegen für gut zu halten, weil sie neu sind, - und deswegen für schlecht, weil sie alt sind. ...
(2) Wir wollen der jungen Generation die Arbeit und die Anstrengung nicht ersparen. - Wir können uns das einfach nicht nicht leisten, - und selbst, wenn wir es uns leisten könnten, wäre es nicht nur ein inhumanum, sondern auch unmenschlich, menschliche Begabung brachliegen zu lassen.
(3) Wir können und wollen der jungen Generation die Konfrontation mit der Geschichte nicht ersparen. - Darunter verstehen wir die Konfrontation des einzelnen mit seiner geistigen Vergangenheit, ... im Sinne der Erkentnis schon eines Humanisten des 12. Jahrhunderts, nach dessen Auffassung wir zwar, wörtlich aufgefaßt, "höher" stehen als die Vergangenheit, aber, wörtlich: "alteriore loco", - und deswegen, "ex alteriore loco" mehr sehen als die Vergangenheit, - aber eben nicht aufgrund unserer eigenen Größe, sondern weil wir auf den Schultern eben dieser Vergangenheit stehen (Gymn. 74, 1967, 7).
(4) Sie werden sich erinnern (aus unserer Lektüre des letzten Jahres): Es gibt in 25 und mehr Jahrhunderten keinen Autor der europäischen Literatur, der die Phänomenologie des Übergangs von einem freien Staat zur Diktatur, von der inneren Trägheit des einzelnen zur äußeren Knechtschaft und zur Angst gegenüber der Allmacht des Staates, - der die Phänomenologie der süßen Verlockung durch Ruhe, Wohlstand und scheinbare Sicherheit ... mit solcher Anteilnahme, mit solcher Präzision und mit solcher Verzweiflung dargestellt hat wie Tacitus. - Ich hoffe, Sie haben hier, ohne daß das Lateinische amtlich dazu deklariert wurde, staatsbürgerliche Erziehung auf hoher Ebene erlebt.
Sie werden sich weiter erinnern: Ich habe nicht ohne Absicht an den Schluß unserer Lektüre das Somnium Scipionis gestellt. Es gibt, wenn Sie nicht das Alte Testament zur Hand nehmen, für meine Begriffe keine Schrift, die den Leser in solchem Maße an die vanitas vanitatum menschlicher Existenz erinnert wie Ciceros Überlegungen über den menschlichen Ruhm, der weder den Caucasus zu übersteigen imstande ist, noch den zwanzigsten Teil eines annus vere vertens erreicht. - Diese Gedanken zwingen mich persönlich bei der Lektüre gerade dieser Schrift jedesmal mehr zum inneren Eingeständnis menschlicher Unzulänglichkeit, insbesondere, wenn man sich selbst gegenüber im Alter Rechenschaft abzulegen beginnt und nach dem fragt, was man mit des Lebens Mühe und Arbeit eigentlich geleistet und erreicht hat. ...
... Die Tatsache aber, daß es gelang, das berühmte 111. Kapitel aus dem Petron als Abiturarbeit vorzulegen, - und daß in meiner Praxis noch nie eine Abiturklasse so fröhlich bei der lateinischen Reifeprüfungsarbeit gesehen wurde, - war nicht nur eine schöne Genugtuung in einem geplagten Schulmeisterdasein, sondern auch die Rechtfertigung der Überzeugung, daß ein Schulmeister noch notwendiger als das moralische auch ein fröhliches Herz haben müsse.
So haben wir wirklich - und das darf ich zum Schluß bekennen - mit diesem Abiturjahrgang ... weit mehr Freude als Arbeit gehabt. ... So war es, so und nicht anders. - Dafür möchte ich noch einmal allen Kollegen danken, die seit neun Jahren die ersten gymnasialen Schritte dieser Klasse betreut haben, vor allem den drei Ordinarii: Herrn Ilse auf der Unterstufe, Herrn Grobmann auf der Mittelstufe, und Herrn Plett auf der Oberstufe; - und Herr Ilse ist mein Zeuge dafür, daß wir, die Lehrer, die in dieser Klasse unterrichteten, schon vor neun Jahren unser Herz an diese Klasse verschenkt haben.
Und so möchte ich Ihnen, in durchaus unschulmeisterlicher Umkehrung der
üblichen Verhältnisse, heute keine Ermahnungen, sondern eben diesen Bericht
der Rechenschaft mit auf den Weg geben, - Ihnen, im Namen der Schule, danken,
für die Art und Weise, wie wir uns das Leben gegenseitig leicht gemacht
haben, - ... und als letztes: die Bitte aussprechen, daß Sie Ihr Wilhelm-Gymnasium
in ebenso guter Erinnerung behalten wie wir die Abiturienten des Jahrgangs
1967.
(7) Brief einer geplagten Mutter, zwei Jahre später, Sept. 1969. -
Bömer konnte, so stand es weiter oben, "unendlich viel geben, wenn man auf der gleichen Wellenlänge mit ihm lag" (Bericht von Dr. Oswald Heddaeus, Vorsitzendem des Elternrates). - Was aber, wenn die Wellenlänge nicht ganz stimmte? - Dann wurde die Sache schwierig, für beide Seiten. - Der folgende Brief, hier ungekürzt und unverändert wiedergegeben, ist bisher nirgends veröffentlicht worden. Es ist der Brief einer geplagten Mutter, die - aus ganz persönlichen Gründen - ihre Tochter nach der 7. Klasse vom WG abgemeldet hatte, dann aber merkte, daß ihr Kind an der neuen Schule nur noch unglücklich war: "... Sie hat Heimweh nach ihrer alten Schule, ihrer alten Klasse ...". - Also: versuchen, daß das Kind wieder ans WG und wieder in ihre alte Klasse kommt. - Wenn nicht gleich, dann wenigstens zum nächsten Ostertermin.
Das Problem: die Tochter, Micaela, war keineswegs eine Schülerin, wie Prof. Bömer sich eine Schülerin des WG vorstellte ..., ein wenig frech, aufmüpfig, und auch sonst ...(jeder, der möchte, kann sie übrigens sehen: sie ist - von mir während einer Unterrichtsstunde liebevoll fotografiert - in unserer Festschrift zu sehen: S. 249, unteres Bild, genau in der Mitte, struppige Haare, und tatsächlich etwas frecher, - und wohl auch kecker und auch ein wenig selbstbewußter als ihre Mitstreiter in der Schullaufbahn am WG, - alle übrigens aus derselben Klasse, die ich sehr liebte, ... es war meine erste).
Bömer selbst hat übrigens immer wieder bekannt, daß er, "als Kind seiner Zeit", manche Grundeinstellungen nicht abstreifen konnte, - auch, wenn er es wollte; man möge ihm das nachsehen. - "... seiner Zeit" - das war letzten Endes wohl doch noch die späte Wilhelminische Zeit (auch wenn er das nicht gerne hörte) und die Zeit der Weimarer Republik, die Zeit der Gelehrten und der Gelehrtenbilbiotheken, die es heute nicht mehr gibt, und die Zeit des "höheren und gebildeten Bürgertums", wie sie immer wieder beschrieben worden ist.
Nach diesen Vorbemerkungen nun endlich der angekündigte Brief, 2. September 1969:
"Lieber Herr Doktor Schulz!
Es ist also endgültig. Micaela kommt nicht wieder aufs Wilhelm-Gymnasium. Und bei dem Gespräch - das so schief gelaufen ist, wie es nur ging - war auch von "Ostern" überhaupt nicht die Rede.
Dummerweise hatte mich die Schulsekretärin am Sonnabend gleich mit Herrn Professor Bömer verbunden, obwohl ich sie nur telefonisch um einen Termin bitten wollte. Ja, und damit war die Sache gleich zum Scheitern verurteilt.
Bitte ersparen Sie mir die Einzelheiten dieses Telefonats. Ich kann nur sagen, daß ich ein derartiges Gespräch in meinem ganzen Leben noch nicht habe führen müssen. Und ich wünsche es mir auch für die Zukunft nicht. Man kann - wollte man es schildern - nur in Superlativen sprechen: Das Unpersönlichste, Kälteste, Schroffeste, Unfreundlichste, Arroganteste, Abrupteste ... und, und, und.
Aber Ihnen, lieber Herr Doktor Schulz, möchte ich noch einmal ganz besonders für Ihr Verständnis und Ihre Bereitschaft zu helfen danken. Und ich bitte Sie sehr, auch Herrn Lübke meinen Dank auszurichten.
Diese Entwicklung ist sehr schade und auch traurig. Aber es gibt Schlimmeres.
Und wir werden uns auch dieser Situation anpassen, anpassen müssen.
- Ihre ... usw."
(8) Ansprache an die Abiturienten. 15. Februar 1969. - Es war Bömers letzte Rede am WG, gehalten übrigens in der Aula unserer Nachbarschule, der Fremdsprachenschule am Mittelweg, - und viele, die dabei waren, wissen, daß neben ihm, neben dem Rednerpult, sein kräftiger Sohn Heinrich stand, - bereit, ihn bei Übergriffen, wie damals durchaus zu erwarten, tatkräftig zu schützen.
Seine letzte Rede also: Manche, die ihn damals hörten, die hinterher den Text gelesen haben, sagten: seine größte: Niemals vorher, niemals danach habe jemand vor der Schule so ehrlich, so tief, so verzweifelt gesprochen wie er an diesem Tage. - Und, dies nur zur Erinnerung: Es ging im Grunde und nicht zuletzt um die Studentenbewegung von 1968 ff. ...
In gewissem Sinne also seine Abschiedsrede. - Sie ist in unserem Mitteilungsblatt abgedruckt (Heft 43, 1969), außerdem, in Auszügen, in der Festschrift von 1981 (251ff.). - Hier nur die letzten Absätze:
"... Bleiben Sie, meine Damen und Herren, ich möchte Sie bitten, auf dem Boden der Realität - Sie können und dürfen mehr als zwei Jahrtausende nicht ungeschehen machen -, auf dem Boden der Realität, und der Humanität. Beides läßt sich nicht trennen. ... Machen Sie es schlicht, ohne Illusion, vielleicht ohne Ideologie, besser als wir; ich meine es ernst, ohne Ideologie: Denken Sie daran, wieviel Blut die Ideologien gerade von der europäischen Menschheit gefordert haben, angefangen von den Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Aristokraten in der griechischen Geschichte und den Christenverfolgungen und den daran anschließenden ebenso blutigen Heidenverfolgungen am Ende der römischen Zeit.
Nehmen Sie dies als Bitte einer Generation, die es in vielem sicher schwerer gehabt hat als Sie: Die Aussichten dazu sind niemals so günstig gewesen wie jetzt. - Die Generation vor uns hatte die Chance verpaßt, weil sie im vermeintlichen Jahre Null glaubte, mit kaiserzeitlich-bürgerlichem Denken ihre zerbrochene Welt retten zu können. - Unsere Generation hat die Chance, im wirklichen Jahre Null einen neuen Staat und eine neue Gesellschaft aufzubauen, nicht wahrgenommen - und mit der Restauration eines spätkapitalistischen Systems und der ihm innewohnenden Korruptheit alle Voraussetzungen für seinen Untergang geschaffen.
Nun aber hüten Sie sich - auch dies als Bitte -, hüten Sie sich vor der Selbstgefälligkeit, zu glauben, daß es genüge, jung zu sein und es besser zu wissen. - Hüten Sie sich weiter, bitte, um Ihrer selbst willen, vor dem Mißtrauen einer ganzen Welt gegen die Deutschen, wenn diese wieder einmal, zum dritten Mal in diesem Jahrhundert, in dieser aggressiven Weise die Welt verbessern wollen, - und schließlich: Denken Sie daran, daß Sie noch, wenn auch nicht viel, Geschichte gelernt haben ... - und daß die Geschichte sowohl lehrt, daß seit Jahrhunderten die Revolutionäre nur in den seltensten Fällen die Freiheit errungen und nachher auch verteidigt haben, die sie auf ihre Fahnen schrieben, - als auch, daß die Nachwelt eben dies und manches andere aus der Geschichte nicht lernen will, - auch dies ein weites Feld, das wir hier, wenn Sie es nicht auf der Schule getan haben, nicht mehr durchmessen können.
Meine sehr verehrten Damen und Herren Abiturienten! - Ich möchte Ihnen zeigen, daß es mir sehr ernst ist mit diesen Gedanken und Wünschen, und mit einem Gedanken aus meiner privatesten Sphräre schließen. Mein Vater, Jahrgang 1879, starb im Dezember 1945, nachdem im Frühjahr desselben Jahres noch zwei meiner Brüder ums Leben gekommen waren; der eine fiel in Westfalen, der andere wurde im Rheinland von den Amerikanern ermordet. Das hat diesem Mann, der seinen Jahren und oft auch seiner Mentalität nach ins zweite Kaiserreich gehörte, die Lebenskraft genommen. Er war in einer Welt großgeworden, in der Härte eine Art Selbstzweck war, und er war selbst ein harter Mann. Wir glauben heute noch, daß er oft nur schwer zu ertragen war. Was mich angeht, so habe ich es in vielen, ja oft in den entscheidenden Dingen, ganz anders gehalten als er. Ich bin aber, vor allem aus dem Abstand von mehr als zwanzig Jahren gesehen, heute der Überzeugung, daß er, um mich eines Ausdrucks seines Jahrhunderts zu bedienen, ein aufrechter Mann war - und daß er das getan hat, was er vor Gott und seinem Gewissen für Recht und richtig hielt.
Meine Damen und Herren: Ob das richtig ist, was die Generation unserer Väter tat, was wir tun, was Sie tun und tun werden, das können im Endeffekt weder wir noch Sie wirklich ermessen. Attestieren Sie bitte uns später einmal - nicht heute -, daß wir nach bestem Wissen und Gewissen, wir als Kinder unserer Zeit und unserer Erziehung, gehandelt haben,und daß wir nicht unmenschlich waren, - und handeln Sie selbst, bitte, so, daß Sie diese Bitte, wohlverstanden als Bitte, nicht als Forderung, Ihrerseits vor der Generation, die Ihnen folgt, wenn vielleicht auch nicht immer mit blütenweißem, so aber vielleicht doch mit einigermaßen gutem Gewissen vertreten können. - Erziehen Sie, wenn Sie es wollen und können, die nächste Generation zu besseren Demokraten.
Nehmen Sie diese meine Bitten und unser aller Wünsche mit auf den Weg!
(Franz Bömer, 15. Februar 1969).
Damit endet diese kleine Dokumentation zu Bömers Jahren am WG. - Nach der letzten Abituransprache hat er sich öffentlich am WG nicht mehr geäußert, allenfalls in kleinen "Lesefrüchten" in unserem Mitteilungsblatt. - Ein letztes Beispiel, zitiert aus der ZEIT: "Es gibt zwei Gruppen, die mit unschöner Regelmäßigkeit auf der Seite der Ausgebeuteten stehen: Minoritäten (Juden, Humanisten, Neger, Liberale, Homosexuelle) - und Frauen. - Im Heft 47 ebendieses Mitteilungsblattes dann Zinke, lakonisch: "Herr Prof. Bömer hat seine Amtsgeschäfte als Leiter des Wilhelm-Gymnasiums aus gesundheitlichen Gründen seit August 1971 nicht mehr ausgeübt" (was ihn übrigens verbindet mit einem, der in vielem ganz anders war als er: mit dem Kunsterzieher Bernd Hering, der bereits ein halbes Jahr früher, aus denselben Gründen, ausgeschieden war). - Bei alledem bisher überhaupt nicht erwähnt: Bömer als Wissenschaftler und Publizist: Verfasser umfangreicher Monographien und wissenschaftlicher Kommentare, außerdem über viele Jahrzehnte Herausgeber und Redakteur der altsprachlichen Zeitschrift "Gymnasium". - Darüber, vielleicht auch von anderer Seite, demnächst.
(Schulz, 10. Februar 2004)
An die Mitglieder, Ehrenmitglieder und Freunde unserer Vereinigung, -
insbesondere - wie alljährlich - schon jetzt an alle, die im nächsten Jahr von uns zum Abiturjubiläum eingeladen werden: die Abiturienten und Abiturientinnen von 1934, 1944, 1954, 1964, 1974, 1984, 1994 und 1999.
(Rundbrief vom 8. Dezember 2003)
Wie alljährlich: unser Rundschreiben zum Jahresende. Es gibt - neben den üblichen, immer wieder nötigen Formalia - viel Gutes zu berichten, leider aber auch auch vieles, was bedenklich, alarmierend ist und wo wir, mit unseren bescheidenen Möglichkeiten, gegensteuern sollten, soweit es geht. - Im einzelnen:
(1) Postversand, E-Mail. - Dies vorweg, um es loszuwerden: Dieser Brief geht an etwa 1.300 Anschriften, davon etwa 300 per E-Mail, - der weitaus größte Teil aber, nach wie vor, mit normaler Post: ca. 1.000 Sendungen, die gedruckt, zusammengetragen, gefaltet, eingetütet, sortiert und zur Post gebracht werden müssen. Nur wer das einmal selbst gemacht hat, weiß, wieviel Arbeit das bedeutet (geht nur mit einer Schar mithelfender Kinder, die einen ganzen Vormittag damit beschäftigt sind) - und: welche Portokosten es verursacht. - Wir tun das ja gerne, aber was uns ein wenig wurmt: Wenn wir nur ein paar hundert mehr E-Mail-Adressen hätten, könnten wir die Hälfte der Arbeit und die Hälfte der Kosten sparen - und das Geld für andere Zwecke verwenden.
Daher unsere Bitte: Nennen Sie uns, wenn irgend möglich, Ihre E-Mail-Adresse:
Sie ersparen dem Verein damit viel Geld, das dann insgesamt der Schule
zugute kommt, und Sie erhalten außerdem in unregelmäßiger Folge kleinere
Mitteilungen, etwa über Veranstaltungen oder Neuigkeiten amWG, die wir
mit normaler Post nicht verschicken können. - Wir wissen allerdings, daß
vielen ein normaler Brief lieber ist als eine Nachricht auf dem Computer.
Wir werden diese Möglichkeit auf jeden Fall immer offenhalten.
(2) Schulisches: Bausachen. - Per Saldo: ein hocherfreuliches Thema. Das neue Oberstufenhaus, an der Stelle, wo früher der Bunkerhügel war, ist fertig. - Insgesamt: voll gelungen, nicht pompös, aber solide und klar konzipiert. Im Erdgeschoß mehrere Kursräume, größere und kleinere, alle hell, freundlich, mit Blick ins Grüne, - im Obergeschoß ein weiterer, kleiner Kursraum, auch sehr schön, - und dann: der riesige Bibliotheksraum, für viele das Herzstück der gesamten Anlage. Mehr als 100 qm groß, hell, mit Aussicht nach mehreren Seiten. Natürlich wird jetzt an vielen Stellen überlegt, wie dieser Raum zu gestalten und zu nutzen ist, denn er ist bisher gänzlich leer. Schönste Vision aller Beteiligten (Schüler, Eltern, Lehrer): ein Bibliotheks- und Arbeitsraum, in dem Schüler und Lehrer nach Herzenslust lesen und arbeiten können, in dem sie fast alle nötigen Bücher zur Hand haben, sich an großen Arbeitstischen ausbreiten können, natürlich - wie heute üblich - mehrere Computer mit Internetanschluß zur Verfügung haben und wohl auch ein gutes Kopiergerät. - Das Ganze ist nicht illusorisch, sondern durchaus durchführbar, nur gab es auch Stimmen, die meinten, ein so wundervoller Raum, "nur als Bibliothek genutzt" ..., - das sei doch wohl Verschwendung. - Die Lösung wird ein vernünftiger Kompromiß sein: Grundsätzlich Bibliothek, mit allem, was dazu gehört, aber so flexibel, daß man Tische und Stühle auch einmal umstellen kann, um z.B. eine Versammlung des dritten Semesters oder eine Autorenlesung durchzuführen. - Also: keine Schwierigkeit.
Es fehlt aber noch die Möblierung: Regale, Tische, Stühle. Soweit man sieht, wird dafür die Behörde aufkommen. - Und: es fehlen die Bücher. Das ist Sache der Schule. - Was aber viele an unserer Schule nicht mehr wissen: Es gibt ja eine ziemlich umfangreiche Handbibliothek: linkes Silentium, hinter dem Lehrerzimmer, die sog. Lehrerbibliothek: Fast alle Bücher, die dort stehen, stammen aus den siebziger Jahren, aus der Pionierzeit der reformierten Oberstufe, als die Behörde, mit erheblichen Mitteln, Bücher für das selbständige Arbeiten der Oberstufenschüler anschaffen ließ: Ohne dies, so damals die Überzeugung, keine sinnvolle Oberstufenarbeit ... - Also: lauter Bücher für die Schüler und Schülerinnen unserer Oberstufe. - Viele Ehemalige werden sich an diesen Arbeitsraum noch erinnern, auch daran, wie dort Schüler und Lehrer friedlich und einträchtig nebeneinander arbeiteten. - Das ging solange gut, bis einige aus dem damaligen Kollegium es schlicht nicht mehr ertragen konnten, daß ständig Schüler durch das geheiligte Lehrerzimmer in den Bibliotheksraum gingen. Sie führten einen Konferenzbeschluß herbei, und den Schülern und Schülerinnen war hinfort der Zutritt (zu ihrer Bibliothek) verwehrt.
Heute scheint es wichtig, daran zu erinnern, daß fast alle diese Bücher für unsere Schüler und Schülerinnen angeschafft wurden, nicht für die Lehrer, - und daß also die meisten in die neue Oberstufenbibliothek gehören, auch wenn sich manche dagegen wehren mögen.
Dies ist dann aber natürlich nur der Grundstock. Vieles aus dem alten Bestand
ist veraltetet. Die Schule braucht, wenn die Bibliothek sinnvoll
funktionieren soll, eine große Menge neuer Bücher, und die müssen bezahlt
werden. - Von wem? - Von der Behörde ist, nach allem, was man hört, kaum
etwas zu erwarten. Bleiben wieder nur die Eltern und - natürlich -
wie immer: die Ehemaligen. Es scheint, daß hier wieder einmal eine erhebliche
finanzielle Aufgabe auf uns und unseren Verein zukommt, aber diese Aufgabe
sollten wir, soweit es in unseren Kräften liegt, uns zu eigen machen. -
Es gibt wohl keine bessere Investition in die Zukunft unserer Schule als
diese.
(3) Schulisches: "Lehrerarbeitszeitmodell" und Verwandtes. - Geht alle Lehrer und jede Schule an, also auch das WG. - Per Saldo: Hoch unerfreulich: Ein Komplex, der den Hamburgern ziemlich viel Verdruß bereitet hat und noch bereitet - und darüber hinaus immer noch viel unverhohlenen Spott und viel Schadenfreude von außerhalb. - Zur Sache (für alle, die nicht in Hamburg leben): Der jetzige Senat, bestehend aus CDU, Schill-Partei, F.D.P., hat sich - neben einigen anderen Dingen, für die er durchaus Lob geerntet hat, - auch der Schulpolitik angenommen, hier freilich nur mit ganz schlechten Noten. Heftige Kritik, zum Schluß auch aus den eigenen Reihen, speziell für den damals zuständigen Schulsenator, der vermutlich gar nicht allein dafür verantwortlich war. Ihm hatte schon zu Beginn seiner Amtszeit die Süddeutsche Zeitung genüßlich bescheinigt: "Ein Konteradmiral, der sich selber versenkt".
Worum es geht? (etwas ausführlicher, weil wir in manchen Briefen und Telefonaten von außerhalb explizit danach gefragt werden: "Was ist in Hamburg eigentlich los ??"). - Der Senat hatte, soweit man sieht, schulpolitisch mehrere Dinge angesteuert und auch durchgesetzt:
Erstens: Eine verschleierte, nirgends offen ausgesprochene Erhöhung des Unterrichtssolls für alle Hamburger Lehrer, im Durchschnitt etwa zwei Unterrichtsstunden pro Woche, allerdings unterschiedlich verteilt: für manche erheblich mehr (bis zu fünf, sechs, sieben Stunden), für manche weniger (dazu den folgenden Punkt).
Zweitens: Das oben genannte "Lehrerarbeitszeitmodell", eine Art "Gebührenordnung für Lehrer", nach der unterschiedliche Tätigkeiten unterschiedlich honoriert werden (z.B.: Unterricht in Latein erheblich günstiger als Unterricht in Musik oder Sport), aber auch andere Tätigkeiten (Konferenzen, Elterngespräche, Elternabende ...) mit gewisser Minutenzahl in Anrechnung kommen. - Insgesamt - das darf man wohl als Außenstehender mit aller Vorsicht sagen - eher ein Kuriositätenkabinett als ein ausgereifter Entwurf. - Prof. Bömer, vielen vermutlich noch bekannt in seiner lakonisch-catonischen Diktion, hätte denn wohl auch schlicht gesagt: "Unter Curiosa abheften ...". - Aber auch er hätte vermutlich nicht verhindern können, daß - nach all den Vorgaben und Schlüsselzahlen der Behörde - die Lehrer im Schnitt unversehens zwei Wochenstunden mehr unterrichten. - Selbst wenn er sich strikt geweigert hätte, die "Vorgaben" der Behörde "umzusetzen" (zwei Vokabeln, die im Moment hoch im Kurse stehen), selbst wenn er sein Amt aus Protest zurückgegeben hätte: Bewirkt hätte er nichts: Die Behörde hätte schnell einen anderen gefunden ...
Drittens: Eine starke Erhöhung der Mindestzahlen für Klassen und Kurse, insbesondere in der Oberstufe. Ergebnis: In wenig belegten Kursen (LK Physik, Chemie, Mathematik, Musik, Französisch, Griechisch, Latein), in denen die Mindestzahlen an einer Schule nicht erreicht werden, wird nach Möglichkeit "zusammengelegt", um die Kurse überhaupt stattfinden zu lassen: Grundkurse mit Leistungskursen, Kurse verschiedener Semester, Kurse verschiedener Schulen usw., bis im Ergebnis ein Kurs der erwünschten Größe entstanden ist. Das muß nicht immer nur schlecht sein, aber es bringt, für Schüler wie für Lehrer, viele zusätzliche Belastungen: Unsere Schüler wandern in Scharen in die Nachbarschulen und werden dort unterrichtet, und in anderen Fächern strömen andere in Scharen zu uns. - Außerdem: Ein bunt zusammengewürfelter Kurs von dreißig Schülern ist für alle Beteiligten nicht immer eine optimale Lerngruppe.
Lustiges Postscriptum: Unser Oberstufenhaus ist bereits vor Jahren vom
damaligen Senat (SPD und Grüne) konzipiert worden, alle Räume orientiert
an den damals geltenden, kleineren Kursgrößen. Nach allem, was man hört,
sind inzwischen, für die neu angesteuerten Kursgrößen, die Räume insgesamt
zu klein. ... - Unser Glück: Die Pläne der Behörde lassen sich nicht von
heute auf morgen umsetzen, so daß die allermeisten unserer Kurse nun doch
in das neue Haus hineinpassen, - bis auf vier oder fünf, die nun doch in
anderen Räumen arbeiten müssen. Unser Koordinator für die Oberstufe, Martin
Richter, hat mit bewährtem Geschick einen Plan ausgearbeitet, nach dem
im Moment alles funktioniert. Für die Zukunft hofft er - wie viele bei
uns - zuversichtlich auf eine Wende in der Schulpolitik ... - Und
weitere Konsequenz: Fast alle Schulen hatten plötzlich zu viele Lehrer.
Die mußten dann ganz oder mit einem Teil ihrer Stundenzahl an andere Schulen
gehen, an denen gerade besonders viele Lehrer pensioniert worden waren.
Betroffen: auch das WG, zum nicht geringen Ärger und zur nicht geringen
Trauer der Betroffenen.
Viertens (zum ersten Mal etwas Inhaltliches): Eine Neuauflage
der Hamburger Lehrpläne oder Richtlinien, diesmal mit starker Verbindlichkeit,
Reglementierung, Vereinheitlichung, Kontrolle, Überprüfung, Evaluation
- und wie die üblichen Termini alle heißen.
Fünftens (damit verbunden): Eine Fülle von vorgeschriebenen Vergleichsarbeiten, Lernausgangstests, Lernerfolgstests usw., außerdem für die Oberstufe: zunehmende Tendenz zum Zentralbitur.
Dies alles dem neuen Senat anzulasten wäre indes nicht gerecht. Vieles davon geht bereits auf das Konto das vorigen Senates (SPD und Grüne), insbesondere die beiden letzten Punkte. Es scheint, daß bereits dort - in einer gewissen Panikreaktion auf die Ergebnisse der sog. Pisa-Studie und auf die so viel besseren Daten für Bayern - das Heil vor allem in Vereinheitlichen, Vergleichen, Kontrollieren, Evaluieren gesucht wurde, - wobei jeder weiß, daß Panik nicht immer der beste Ratgeber ist und daß es ganz andere Konzepte geben müßte. - Mein ganz persönlicher Eindruck: Wieweit durch alle diese Maßnahmen, nicht nur bei uns, schlechter, öder, langweiliger, uninspirierter Unterricht besser geworden ist - und wieweit, auf der anderen Seite, guter, lebendiger, engagierter, fruchtbarer Unterricht, den es ja wirklich an vielen Stellen auch gibt, blockiert, eingeschränkt, geradezu: verhindert wird: "das kann man nicht untersuchen, ohne bitter zu werden" (Hermann Hesse). - Das Hoffnungsvolle: Trotz allem gibt es diesen Unterricht nach wie vor, auch bei uns am WG, und nicht einmal so selten. Er läßt sich nicht verhindern, von keiner Behörde, auch nicht von der Hamburger Schulbehörde. - Aber diejenigen, die nach wie vor mit Lust, Begeisterung, Phantasie und ständig neuen Ideen arbeiten wollen, haben es nicht immer leicht. - Und nun wieder die Ehemaligen: Wir sehen es als eine unserer ganz wichtigen Aufgaben, hier, soweit wir es mit unseren Kräften können, helfend zur Stelle zu sein, damit unsere Schule das bleibt, was sie schon immer war: eine nicht alltägliche Schule, die es in dieser Form sonst nirgends gibt und die mehr ist, und anderes, als eine Veranstaltung der vorgesetzten und regulierenden Behörde.
Vereinheitlichung? - Auch dies übrigens eine Hinterlassenschaft des vorigen Senates. Spöttische Zungen formulieren es heute so: Die damalige Schulbehörde hatte ja allen Schulen, sozusagen als Hausaufgabe, aufgegeben, ihr "Schulprofil" und ihr "Schulprogramm" zu Papier zu bringen. Keiner weiß so recht, wer sich dieses Thema ausgedacht hatte. Aber: Wie nicht anders zu erwarten, war das Ergebnis eine Flut guter Hausarbeiten - und vor allem: eine Flut erhabener Vokabeln: keine Schule, die sich nicht in besonderer Weise der humanistischen Tradition verbunden wußte ..., Mehrsprachigkeit und Vielsprachigkeit, fächerübergreifenden Unterricht und viele andere schöne Dinge zu ihren vornehmsten Zielen erklärte ... - Was viele dabei nicht bemerkten: Über all diese fleißig (und oft sogar mit Hingabe) hergestellten Schulprofile und Schulprogramme verloren die Beteiligten nur zu leicht den Blick dafür, daß das Ziel der Behörde letztlich eher das Gegenteil war: die Vereinheitlichung aller Schulen. - Auch hier sollten wir, die Ehemaligen, soweit wir können und soweit wir gehört werden, uns zu Worte melden.
Bei alledem noch gar nicht bedacht: die Reaktion der Lehrer. Auch dies, soweit ich sehe, kein Ruhmesblatt, so wenig wie die Politik der Behörde. - Proteste, Protestversammlungen, Maßnahmenkataloge allenthalben: uferlos, fast ohne Ende. - Leider ging es dabei immer wieder nur um die Belastung, die Zumutungen, die Arbeitszeit, viel seltener um das Inhaltliche (die in dieser Form verfehlte Politik der Kontrollen und der Vereinheitlichung), was doch letztlich viel wichtiger oder doch wenigstens ebenso wichtig sein sollte. Davon nur ganz selten ein Wort. - Statt dessen: Kampfmaßnahmen, "Dienst nach Vorschrift", Verweigerung aller Klassenreisen, aller Sportveranstaltungen, aller Theaterprojekte, soweit sie zusätzliche Belastung erfordern, - und, damit verbunden: Einschwörung auf Solidarität: Einschüchterung aller derer, die weiterhin tun wollen, was sie schon immer getan haben (schon immer weit über jegliche Verpflichtung und jegliche Arbeitszeit hinaus, weil sie es wichtig und richtig fanden und vor allem: Lust dazu hatten). - Ein Votum aus unserem Kollegium zu dem gesamten Komplex: Matthias Glage (Abit. WG 1971, jetzt Lehrer am WG): auf unserer Homepage: ehemalige.wilhelm-gymnasium.de; Rubrik: Varia Variorum (ursprünglich in dem letzten Heft unserer neuen Schulzeitung "Was geht?", die wir Ihnen auf Wunsch gerne noch zuschicken; dort auch Stimmen von Eltern).
Und die Eltern unserer Kinder? Schwer zu sagen. Soweit man hört, haben
sie ohnehin wenig oder kein Verständnis für alles, was ihnen von seiten
der Behörde an Plänen, Vorgaben, Anordnungen usw. zu Ohren kommt, - aber
das tolerieren viele, weil sie es in dieser Form gewohnt sind und kaum
mehr anders erwartet haben. - Wirklich enttäuscht sind viele von der Reaktion
der Lehrer. Die hätten sie sich anders gedacht. Vor allem: Viel souveräner.
Und: "bitte nicht auf dem Rücken der Kinder" (so die stereotype, ständig
wiederkehrende Formulierung, auch bei uns). - Man darf gespannt sein, wie
die Sache weitergeht.
(4) Jahresbeitrag 2004 (betrifft nur die "ordentlichen" Mitglieder: Mitgliedsnummer
12...). - Der Beitrag ist von der letzten Hauptversammlung neu festgesetzt
worden. Er beträgt jetzt für Mitglieder in Berufsausbildung EUR 5,-- (bisher
EUR 3,--), für alle anderen EUR 15,-- (bisher EUR 12,--). - Wenn
ich das richtig interpretiere, heißt das: Bei Überweisungen bis 31.12.2003
können Sie noch mit dem bisherigen Beitragssatz rechnen, auch für Vorauszahlungen,
danach sollte der neue Beitrag gelten. - Und, um Mißverständnisse zu vermeiden:
Wenn Ihre Zahlung für mehrere Jahre gelten soll, nicht nur für 2004, vermerken
Sie das bitte auf der Überweisung. - Die Mitteilung über den Stand Ihrer
Beitragszahlung: wie immer am Fuß der ersten Seite; dort auch die Konten
des Vereins.
(5) Spendenbescheinigung. - Unser Verein ist nach wie vor als gemeinnützig anerkannt, wobei Beiträge und Spenden in gleicher Weise abzugsfähig sind. - Unseren Mitgliedern schicken wir für alle Überweisungen ab EUR 25,-- automatisch eine individuelle Spendenbescheinigung (sonst ist in der Regel der Text am Ende dieses Schreibens ausreichend; auf Wunsch aber auch dort.). - Bei allen anderen Überweisungen (also gelegentlichen Spenden von Freunden der Schule, ehemaligen Lehrern, Ehrenmitgliedern, FF, EL, EE) schicken wir in jedem Falle eine Spendenbescheinigung.
In diesem Zusammenhang danken wir, im Namen des Vereins und im Namen der
Schule, wie immer, allen, die uns Beiträge, erhöhte Beiträge und Spenden
überwiesen haben. Wie Sie wissen, wäre unsere Arbeit ohne dies alles nicht
möglich. - Und die übliche Bitte: Sollte irgendetwas an unserer Buchführung
nicht richtig sein, sollte eine Spendenbescheinigung nicht eingegangen
sein, so bitten wir um Entschuldigung und um eine kurze Nachricht.
(6) Jubilare 2004. - Das Septembertreffen für unsere
Abiturjubilare, jeweils am ersten Sonnabend im September: seit einigen
Jahren eine feste Institution am WG. - Jedesmal vorher: viel Schreiben,
viel Telefonieren, kreuz und quer, durch die halbe Welt, auch viel Beklemmung,
ein wenig Lampenfieber, wie es wohl werden wird (das gehört wohl dazu),
- danach dann: die Erleichterung, das gute Gefühl: Es war gut, sogar
sehr gut, es hat sich gelohnt, und es hat vieles, was längst vergessen
war, wieder aufleben lassen, auch viele Kontakte ... So auch letztes Jahr.
- Diesmal also die Julilare 2004. Welche Jahrgänge wir dabei im Auge haben,
sehen Sie am Anfang dieses Schreibens. Alle Beteiligten, zu denen wir im
Moment Kontakt haben, finden Sie außerdem auf unserer Homepage (ehemalige.wilhelm-gymnasium.de,
ohne www!), dort allerdings nur die Namen, keine Anschriften. - Wir werden
alle Jubilare zu Beginn des nächsten Jahres direkt anschreiben, bitten
allerdings schon jetzt: Wenn Sie in den Listen Lücken entdecken und uns
weiterhelfen können (mit Anschriften, die wir nicht kennen), geben Sie
uns bitte kurz Nachricht.
(7) Einladung zur Hauptversammlung.
Die nächste Hauptversammlung: Donnerstag, 29. April 2004, 20.00 Uhr, im WG.
Tagesordnung:
1. Bericht des Ersten Vorsitzenden, Dr.Hans Nölting
2. Bericht des Schatzmeisters, Dr. Peter-Rudolf Schulz
3. Bericht der Rechnungsprüfer
4. Entlastung des Vorstandes
5. Besprechung über die weitere Arbeit der Vereinigung
Nölting (Erster Vorsitzender)
Wie immer: herzlich grüßend, mit Dank für Ihr Interesse: Schulz
Bescheinigung (zur Vorlage
beim Finanzamt):
Der Verein "Ehemalige Wilhelm-Gymnasiasten
e.V." ist nach dem letzten Freistellungsbescheid des Finanzamtes Hamburg-Mitte-Altstadt
(StNr. 17/422/09128; vom 8.5.2003) nach § 5 Abs.1 Nr. 9 des Körperschaftsteuergesetzes
von der Körperschaftsteuer befreit. - Wir bestätigen, daß wir die Zuwendung
nur zur Förderung der Erziehung (im Sinne der Anlage 1 - zu § jj Abs. 2
Einkommensteuer-Durchführungsverordnung - Abschn. A Nr. 4) verwenden werden.
Nölting (Erster Vorsitzender) - Schulz
(Schatzmeister).
Den folgenden Beitrag entnehmen wir unserer Schulzeitung "Was geht?" (Zweite
Ausgabe; Herbst 2003). - Matthias Glage war Schüler des WG (Abitur Ostern
1971) und ist jetzt bei uns seit längerem Fachlehrer für Erdkunde, Geschichte,
Politik, Wirtschaft und Gemeinschaftskunde; vor kurzem wurde er von den
Schülern gewählt als Verbindungs- und Vertrauenslehrer.
Wenn man eine Schule seit vierzig Jahren kennt, sie als Schüler und als Lehrer erlebt hat, dann mag man sie und möchte, daß sie in dieser oder ähnlicher Form erhalten bleibt. -
Wenn man die Schulpolitik seit 25 Jahren beobachtet, dann fragt man sich, wie nach Jahren der Autonomie-Versprechen und positiver Erfahrungen das Pendel plötzlich so umschlagen kann, daß nun mehr und mehr kontrolliert, verglichen, evaluiert und verängstigt wird.
Wie kann Schülern, Lehrern und Eltern die teilweise doch noch vorhandene Freude am Unterricht und an der Schule in nur so kurzer Zeit so gründlich verdorben werden? Glaubt man behördlicherseits wirklich, mit so viel Druck, Mehrarbeit und uferlosen Vorschriften Lehrer und Schüler zu höheren Leistungen zu führen? -
Und meint man, von seiten der Lehrer, tatsächlich, durch "Dienst nach Vorschrift" und zeitliches Auflisten aller Tätigkeiten die Öffentlichkeit und damit auch die Politiker aufzurütteln, um dieses neue "Lehrer-Arbeitszeit-Modell" zu kippen oder zu verbessern?
Da ist viel von "Solidarität zwischen den verschiedenen Kollegien" und von "politischem Bewußtsein" die Rede. - Doch kann dies alles nicht auch zum Ende einer Schule führen? - Was ist noch attraktiv an einem "humanistischen" Gymnasium, das zur gleichgeschalteten Lernfabrik wird?
Lernen und Lehren mit Freude und Enthusiasmus ist nun einmal wesentlich
nachhaltiger als Pauken und Traktieren mit Druck und Krampf. - Das kann
einem - neben der eigenen Erfahrung - jeder Hirn- und Lernforscher
bestätigen. Und wenn dann nahezu alles, was den Gang zur Schule zusätzlich
beflügelt hat, gestrichen wird: Klassenreisen, Studienfahrten, Wandertage,
Konzerte, Sport- und andere Wettbewerbe, Theaterprojekte, ..., - wie soll
man dann noch die Schüler (und sich selbst) motivieren? - Wie will man
dann noch neue Schüler und ihre Eltern dazu bringen, in die Schule einzutreten?
Der vorige Text von Matthias Glage
(von ihm, nach eigenem Bekenntnis, mitten in der Nacht, spontan, in einem gewissen Zorn auf die heutige Schulwirklichkeit, zu Papier gebracht) hat, soweit wir hören, teils heftigen Protest, teils starke Zustimmung gefunden; - ein Echo, wie selten.
Protest, sogar heftigen Protest: von einigen Lehrern, die heute am WG unterrichten. - Zustimmung, ebenso deutlich: von Eltern, Ehemaligen, jetzigen Schülern, - und auch von einigen Lehrern.
In einigen - nicht vielen - Reaktionen: die Anfrage, ob wir von dem Autor und Lehrer Matthias Glage noch weitere Texte zur Verfügung haben, die wir Interessierten zugänglich machen könnten. Er scheine ja ein interessanter Mensch zu sein, und vor allem: sehr engagiert.
Natürlich haben wir sie, und daher: jetzt, im folgenden, ein weiterer Text:
eine Abituransprache, die er im Juni 1997 im Curiohaus gehalten hat, bei
der Entlassung der damaligen Abiturienten.
Matthias Glage: Ansprache an die Abiturienten, Juni 1997, im Curiohaus
Die folgende Ansprache rankt sich - wie manche gut gemachten Predigten - um ein Textwort; hier allerdings nicht aus dem Neuen Testament, sondern aus der griechischen Antike. - Es geht um das delphische "Medén ágan", das hier, in lateinischer Umschrift, für manche wohl eher etwas fremd aussieht.
Für alle, die nicht so gut Griechisch können: "Medén" (gesprochen mit langem, offenen "e" in der ersten Silbe, etwa wie in "Mädchen"; deutsch: "bloß nicht"); - "ágan" (gesprochen wie geschrieben; deutsch: "zu sehr"), - insgesamt also: "bloß nicht zu sehr", - "bloß nicht im Übermaß!".
Betonung des Ganzen in der Originalversion: "Medén ágan"; - in der folgen
Ansprache aber, so wie ich es damals gehört habe (und, wie auch sonst heutzutage
üblich, wenn man es zitiert), mit leicht veränderter Betonung: "Medén agán",
fast wie ein einziges Wort. So klingt es auch viel wirkungsvoller.
"Medén agán", - so, liebe Abiturienten, stand es am Apollon-Tempel zu Delphi.
"Ne quid nimis", - so, verehrte Eltern, aber auch Großeltern, Urgroßeltern, Onkel, Tanten und Geschwister, übersetzte es Cicero, in seinen Tusculanae disputationes.
"Nothing too much", - so, geschätzte Kollegen, sagen wir es wohl
heute.
Und damit sei gleich allen die Sorge genommen, die nun eine allzu lange Ansprache befürchten. - Lang kann diese Rede schon deshalb nicht werden, weil der Redner erst vor drei Tagen die Ehre und die Chance erfuhr, sich hier redlich bemühen zu dürfen.
Schon einmal, 1971, hätte hier (nein: damals noch im Lehrerzimmer) die Chance zu einer Rede bestanden, doch damals, als ich selbst Abiturient war, zogen meine Mitabiturienten einen schlichten Sekt-Empfang vor, ohne jedes Zeremoniell und ohne jede Rede.
Les temps changent et nous changent avec eux. - Heute ist alles größer und teurer geworden. Ihr Abiturienten feiert vorher, ganz unter euch, eine "geile Pardie", an der Elbstraße, - und wir alle, die Eltern, Freunde, aber auch Kollegen werden für heute zu einem pompösen, nicht ganz billigen Ball hier ins Curio-Haus geladen; die ganze Schule steht einen, nein: inzwischen zwei Tage lang Kopf, beim (diesmal nicht ganz so krassen) Abi-Scherz, wobei der letzte Jahrgang unbedingt übertroffen werden muß; - und in einer dicken Abi-Zeitung wird mit den Lehrern abgerechnet (diesmal relativ human), - während die Mitschüler eigentlich ja doch (fast) alle ganz tolle Kumpel waren.
Und heute abend besteht nun die Gelegenheit, in der neuesten Garderobe und, eingerahmt von Musik und Festreden, das in Empfang zu nehmen, was allgemein als "Zeugnis der Reife" bezeichnet wird - und, differenziert nach Nachkommastellen, mehr oder weniger die Tür zu einer beruflichen Karriere öffnet.
Die Zeiten ändern sich. - Oder ändern wir uns? - Oder ändern wir die Zeiten? - Oder werden wir verändert? - O tempora, o mores?
"Medén agán". - Die Verpackung des Abiturs ist immer großartiger und teurer geworden. -
Und die Reifeprüfung selbst? - Hier scheiden sich die Geister: Die einen meinen, früher habe man viel mehr gelernt, - und das Abitur werde einem heute "nachgeschmissen". - Andere sagen, die Allgemeinbildung bleibe auf der Strecke, aber man bekomme spezielle Grundlagen für sein Studium. - Dritte glauben, in einem Zeitalter der Informationsverdoppelung alle zwei Jahre komme es vielmehr und alleine darauf an, das Lernen zu lernen ...
Aber das ist nicht alles, was ein humanistisches Gymnasium leisten soll. Zur Bildung und Reife gehört Erziehung. - Wird aus der kleinen "bestia", die mit zehn Jahren in unsere Schule eintritt, beim Abitur der menschliche, soziale "Bildungsbürger"??
Ich zitiere aus der Abiturrede meines Lateinlehrers Dr. Alsen, gehalten vor drei Jahren: "Ziel der humanistischen Bildung ist es, aus einem Raubtier, das sich rücksichtslos durchsetzt, das andere mit seinem Ellenbogen - oder was ein solches Raubtier statt dessen haben mag - zur Seite drängt, wenn es Hunger hat, wenn es um Geld, Karriere, Macht und Ansehen geht, aus einem solchen Raubtier einen denkenden Menschen zu machen, der andere Werte kennt, sich andere Wertmaßstäbe setzt."
Ist uns Lehrern das bei euch gelungen? - Oder haben Sie, habt ihr Eltern das erreicht? - Oder habt ihr Schüler es selbst geschafft? - Oder haben wir alle miteinander das vollbracht?
Ich hoffe: ja. - Ich fürchte: nein. - Ich denke: nur zum Teil.
Als ich, vor acht Jahren, August 1989, wieder an diese Schule kam, waren die meisten von euch schon ein Jahr hier. Als erstes durfte ich in der damaligen 6c (Musikklasse, Klassenlehrer: Jan Rainer Bruns) Geschichte unterrichten. - Ihr wart damals eine lebhafte, witzige, begeisterungsfähige, kreative Klasse. - Unvergessen bleibt eure delikate, selbst geschriebene und gemalte Rezepte-Sammlung (von jedem eines), die ihr mir, sicher unter Anleitung von Herrn Bruns, zum Geburtstag gebastelt habt. - Tradiert wird auch - allerdings ohne Namensnennung, was damals eine von euch im Test schrieb, als sie nach den verschiedenen Staatsformen befragt wurde: "Ochlokratie ist die Herrschaft des Popels."
Ein Jahr danach, August 1990, hatte auch die damalige 7a (Klassenlehrerin: Sybille Rathmann) mit mir das Vergnügen (?) des Geschichtsunterrichts. - Ihr wart damals eine leistungsstarke, ehrgeizige Klasse, in der die Mädchen die besseren Arbeiten schrieben, die Jungen aber den Ton angaben. Es wurde um jeden Punkt gefeilscht. - Und ich bekam Probleme mit Eltern, weil wir im Unterricht nicht ganz stubenreine Witze erzählt hatten.
Eure damalige 9b übernahm ich von Frau Haines: August 1992, als Klassenlehrer. - Und ich kann mich noch genau erinnern, wie ich dies - zu meiner Überraschung - zuerst erfuhr: bei einer Hofaufsicht, vor fünf Jahren: Unser heutiger Primus hat es mir zugepiepst, fußballspielenderweise: "Sie sind unser neuer Klassenlehrer!"... - Die Klasse war zuerst etwas spießig, hatte etliche Leistungsspitzen (siehe heute), aber für mein Gefühl zu wenig Sozialverhalten. Als ich das auf einem Elternabend zur Sprache brachte, wurde ich für einige Eltern prompt zum Sozialisten. Aber das Mißverständnis klärte sich später hoffentlich auf, als ich verdeutlichte, es gehe mir eigentlich nur darum, daß auch Schüler dem bepackten Lehrer mal die Tür aufhalten, nicht ihren Müll dem ausländischen Reinigungspersonal überlassen, andere im Unterricht ausreden lassen, - und: daß nicht jedes Grüßen gleich Schleimen bedeute.
Klar, daß zur Verbesserung des Sozialverhaltens ein Segeltörn auf dem Ijsselmeer geplant wurde. - Unsere Reisen wurden nur gelegentlich vom Schulunterricht unterbrochen. Aber auch Reisen bildet: In der neunten Klasse unternahmen wir "Wandertage" nach Berlin, in der zehnten reisten wir mit Frau Spilker zum Frankreichaustausch nach Dijon, einige auch mit Dr. Linn nach Griechenland. Und in Paris lernten wir uns noch besser kennen. - In der elften Klasse bedurfte es dann einiger Mühe, euch zu einer Abschluß-Klassenreise nach Wien, Budapest und an den Balaton zu bringen, wo auch ich Mühe hatte, nicht vom Pferd zu fallen.
In der Vorstufe (ab August 1995) waren, wie üblich, viele von euch im Ausland, und es war erfreulich zu erleben, wie sie sich hierdurch selbständig entwickelten und: sogar selbständig arbeiten lernten. - Es lebe das Fax, mit dessen Hilfe wir manchmal Tag und Nacht, auch über 10.000 km hin, in Verbindung blieben.
Dann begann die Studienstufe, damit auch: das Punkte-Sammeln. - Und es war mir (meist) eine Freude, viele von euch, im Erdkundeunterricht, oder auch als Tutanden, wieder zu treffen und zu betreuen. - Hier zeigte sich dann allerdings auch, daß ihr inzwischen eine Menge dazugelernt hattet, z.B. das Rauchen und das Saufen. - Nicht umsonst lief eine der Klassen bereits vorher unter dem Decknamen "Pardie-Klasse", eine andere galt als "Kiffer-Klasse".
Doch das hat eine lange Vorgeschichte. Der erste aus euren Klassen wurde schon bei einem Abi-Scherz vor sechs Jahren völlig weggetreten auf dem Bunkergelände gefunden, ein anderer später mit einer ganzen Reihe von "Stoff" stoned von der Polizei aufgegriffen. Und wenngleich fast jeder mal bobelte, barzte, knarzte: die Lieblingsdroge blieb der Alk. Und wenn es dann, bei den (von unserem Nachbarn Hardy Krüger besonders geschätzten) Schulparties und -discos morgens ans höchst notwendige Saubermachen ging, dann waren plötzlich nur noch die ganz harten "Kampftrinker" oder die wenigen Sozialen da, - oder diejenigen, die, eng aneinander gekuschelt, von der immer heißer werdenden Morgensonne geweckt wurden.
Den krönenden Abschluß bildeten die Studienfahrten, bei denen auf Tage mit Tempeln, Vulkanen, Wanderungen, Museen und Mumien Nächte mit Zelten und "Kalter Muschi" (Rotwein und Coca-Cola) und Knochenbrüchen folgten. - Warum ich das alles erzähle? - Auch das gehört zu euren Schulerinnerungen - und sicher nicht zu den schlechtesten. -
Aber auch hier: Medén agán!
Einzelne blieben auf der Strecke. Während viele, ich hoffe: die meisten von euch, inzwischen gelernt haben, Maß zu halten, versackten einzelne, was ganz besonders schmerzt, wenn man sich für sie mit Kollegen, Freunden, Großeltern, Tanten und Therapeuten manchmal Tag und Nacht eingesetzt hat. - Schicksal? - "Manche sterben eben früher", sagte ein Abiturient des vorigen Jahrgangs zu mir.
Sind wir Älteren denn anders? - "Was die Lehrer verdauen, das essen die Schüler", sagt Karl Kraus, - oder, frei nach der Bibel: "Die Fehler der Eltern rächen sich an den Kindern." - Drogenverbote bringen da nicht viel, sie machen eher neugierig oder erziehen sogar zur Unehrlichkeit (für alle, die es wissen: Stichwort Weimar). - Goethe sagt: "Wenn wir die Menschen behandeln, wie sie sind, so machen wir sie schlechter, wenn wir sie behandeln, wie sie sein sollten, so machen wir sie zu dem, was sie werden können."
Das heißt doch auch: Wir Erzieher müssen selbst Ideale haben und Vorbilder sein - und sollten nicht nur unsere eigenen Fehler in den Schülern bekämpfen. Der große deutsche Pädagoge Friedrich Wilhelm August Fröbel sagte es im vorigen Jahrhundert so: "Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts." - Und hier paßt der Satz "medén agán!" ausnahmsweise einmal nicht.
Doch Liebe, das kann ja auch bedeuten: jemanden, mit Maßen, seine schlechten Erfahrungen selbst machen zu lassen. Mancher lernt erst, wenn er tief im Dreck steckt, - und wir verschlimmern seine Situation nur, wenn wir immer wieder versuchen, ihn ein Stück aus dem Sumpf zu ziehen, indem wir - unaufgefordert - gut gemeinte Ratschläge geben.
Medén agán!
Aber welche Werte könen oder sollen wir denn heute noch vermitteln? - Kürzlich fragte ich im Geschichtsunterricht einer zehnten Klasse, welche Werte für die Schüler denn noch eine Rolle spielten. Nach längerer Pause meinte eine Schülerin: "Ehrlichkeit". - Aber ist der Ehrliche nicht immer der Dumme? Will die Welt nicht betrogen sein? Für viele ist es doch heute schon ein Zeichen von Dummheit, nicht Steuern zu hinterziehen oder in der Ehe treu zu bleiben. Wir Eltern leben dies unseren Kindern nur zu oft vor. - Dürfen wir uns dann wundern, wenn für unsere Schüler - in Betriebspraktika und bei der Berufsausbildung - Werbeagenturen und Banken immer mehr, - soziale Berufe immer weniger Bedeutung haben?
Als ich vor zwei Jahren mit meinem ehemaligen Erdkundekurs nach dem Abitur noch einmal auf dem Balkon saß, meinten manche freundlich-gönnerhaft zu mir: "In fünf Jahren verdienen wir alle mehr als du, Matze ..."
Man könnte meinen, daß genau das Gegenteil von dem eingetreten ist, was einst Dr. Alsen verkündete: Aus dem "kleinen Raubtier, das sich rücksichtslos durchsetzt, das andere mit seinem Ellenbogen zur Seite drängt, wenn es Hunger hat, wenn es um Geld, Karriere, Macht und Ansehen geht", aus einem solchen Raubtier ist eben nicht, dank humanistischer Bildung, ein denkender Mensch geworden, der andere Werte kennt, sich andere Wertmaßstäbe setzt, - sondern genau umgekehrt: Aus dem kleinen, kreativen, begeisterungsfähigen Sextaner wurde nicht selten der arrogante, coole, egoistische Macho-Abiturient, für den nicht mehr Mitmenschlichkeit zählt, sondern Geld und Karriere.
"Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?
Medén agán! - Im Märchen vom Fischer und seiner Frau sitzen die beiden zum Schluß doch wieder in ihrem alten Pißpott. - Genug der Kritik und des Moralisierens!
Es geht ja auch anders! - Was haben viele von euch doch auch, nicht nur für sich, sondern für die Schule getan! - Da wurde Nachhilfeunterricht organisiert, die Schule wurde kurzfristig gesäubert, Podiums-Diskussionen fanden statt (Wahlen, Tschernobyl, Dritte Welt), Weihnachtsbasare wurden für gute Zwecke veranstaltet, das Musical "Hair" wurde mit Hilfe von Müttern aufgeführt, viele taten sich musikalisch hervor, klassisch oder in der Big Band, hier, in Bornholm, in Helsinki oder Prag. - Andere ruderten unsere Schule an die Welt-Spitze. - Die Theater-AG verliert etliche ihrer eifrigsten und begabtesten Akteure, die sicher an bis zu zehn Stücken (vom Problem-Stück über Komödie bis zur Oper) mitwirkten. - Am Jahrbuch wurde gearbeitet. - Auch die teils gefürchtete, teils bewunderte Schülerzeitung "Wilhelm" war eure Kreation und hat im Laufe der Jahre sehr an Niveau gewonnen.
Natürlich gab es - aus meiner Sicht - auch Rückschläge (Stichworte: Glückstadt, Staudamm, Verschiebung von Referaten ...). - Doch habe ich diese auch teilweise mir selbst zuzuschreiben, wenn ich, zum Beispiel, gegen das wichtigste Gebot der Pädagogik verstoßen habe: Konsequenz.
So lernen wir, hoffentich, alle weiter. - Ich kann für meine Person nur um Verzeihung bitten für das, was ich euch angetan oder was ich unterlassen habe.
Und ich bin überzeugt, daß etliche Kontakte nicht abreißen werden, Verbindungen mit euch, die ihr jetzt Ehemalige seid, und z.T. auch mit euren Eltern. Nicht nur, daß manche Mutter weiter im Kapheneion wirken wird (was ja den sonst oft stockenden Informationsfluß an unserer Schule in Gang hält), nicht nur, daß manche Mutter weiterhin im Elternchor singt, nein, es werden auch Freundschaften bestehen bleiben mit Müttern und Vätern, die in Hamburg oder bei Reisen in Marokko, Israel oder Amerika entstanden sind, - und die weiterhin helfen werden, Menschen, in Marokko z.B., mit Kleidung glücklich zu machen.
Und ihr Abiturienten: Laßt euch erstmal den Wind anderer Länder um die Nase wehen! Die Mulus-Zeit kann zu den schönsten und abwechslungsreichsten Phasen des Lebens gehören. - Und dann, nach sozialem Jahr oder Bund, seid ihr in Studium und Ausbildung zunächst wieder die Kleinen, die Erstsemester.
Ich wünsche euch, daß ihr nicht die, sondern das rechte Maß findet. - Hippokrates hat es gesagt: Alles ist in Maßen eine Medizin, in Mengen jedoch Gift. - Oder, mit meinen Worten: Goldener Schnitt statt Goldener Schuß!
Und habt andererseits den Mut zur richtig verstandenen Freiheit, fallt nicht auf Autoritäten herein, die euch sagen wollen, wo es längs gehen soll.
Und - damit hoffe ich, für das ganze Kollegium sprechen zu können -: Wir wünschen euch viel Erfolg, nicht nur in beruflicher, auch in persönlicher Entwicklung; ferner das, was bei vielen noch entwicklungsbedürftig und im Berufsleben so notwendig ist: Ausdauer, Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, Team-Geist und Courage. - Und behaltet euren Humor!
In ein paar Jahren, vielleicht, sehen wir uns wieder: als Ehemalige, als
Mütter und Väter - oder gar Kollegen??
But: nota bene: "Medén agán!"
Varia Variorum Latina - ex officina WG (Gymnasii Guilelmii)
Lateinische Sentenzen
jeglicher Art, - von Autoren jeglicher Art und jeglicher Zeit,
ausgewählt, übersetzt
und kommentiert von Schülern und Schülerinnen des WG
Wir bringen in folgenden eine bunte und völlig unsystematische Sammlung lateinischer Sentenzen (wie man sie ähnlich und viel umfangreicher natürlich im Buchhandel und im Internet findet). - Mit unserer Sammlung hat es folgende Bewandtnis: Unter der Überschrift "Varia Variorum" sind bei uns am WG in mehreren Schülerjahrgängen kleinere und größere Sentenzensammlungen entstanden, im normalen Lateinunterricht, oft auch in lockerer Form neben dem Lateinunterricht. - So konnte es nicht ausbleiben, daß einige Ehemalige, als sie hier die Rubrik "Varia Variorum" entdeckten, sogleich in erster Linie an unsere alten lateinischen Sentenzen dachten und uns signalisierten: "Wenn schon "Varia Variorum", dann bitte auch, wie gewohnt, lateinische Zitate, hier, auf dieser Homepage".
Wir haben uns die Sache überlegt und fanden die Idee verlockend. Vielleicht gibt es einige, die Spaß daran haben, Altbekanntes und daneben auch ein wenig Neues zu finden.
Im einzelnen: Wir bringen nur Sentenzen, die in den letzten Jahren von Schülern und Schülerinnen des WG vorgeschlagen und ausgewählt wurden (ausgewählt vor allem deshalb, weil die Schüler hier in geschliffener Sprache Erfahrungen ausgesprochen und formuliert fanden, die ihnen selbst vertraut oder wichtig waren; - wobei sich, natürlich, ziemlich bald zeigte, daß man zu fast jeder Aussage eine Parallele - und, vor allem, immer auch die Gegenaussage finden konnte).
Die folgende Auswahl stammt im wesentlichen von Jasmin Haron, einer unserer ehemaligen Schülerinnen, zuletzt Klasse 9b. Sie hat sich die Mühe (und das Vergnügen) gemacht, die bisherigen Sammlungen durchzulesen, und sie hat von sich aus manches dazugetan. Man erkennt leicht, daß ihr geliebter und bevorzugter Autor zunächst Seneca ist, danach Ovid, die sie zwar beide im Unterricht noch nicht gehabt hat (sie gehören eher zur Oberstufenlektüre), die sie aber in einigen Büchern entdeckt und geradezu verschlungen hat. - Wir haben ein wenig gegengesteuert und darauf geachtet, daß auch anderes zu seinem Recht kommt.
Für die Übersetzungen soll gelten: "wörtliche Übersetzung" (die ohnehin jeder selbst anfertigen kann, der ein wenig Latein gehabt hat) nur, wenn alles ganz klar und einfach ist; in den meisten Fällen: lieber umschreibende Paraphrase, die das Gemeinte und Verstandene deutlich macht.
Die kurzen Anmerkungen zur
Grammatik (gramm.) und zur formalen Struktur (formal) sollen daran erinnern,
daß all diese dicta nebenbei ein wahres Kompendium zur lateinischen Syntax
und Stilistik sind; sie sollen zeigen, welche Kapitel die Schüler vor Augen
haben (oder: vor Augen haben sollten), wenn sie diese kleinen Gebilde traktieren.
(1) docendo discimus.
Durch Lehren lernen wir: erst wenn ich die Sache selbst unterrichte, wird
sie mir klar.
Autor: Seneca, epistulae
gramm.: Gerundium im Ablativ: durch das Lernen (substantivierter Infinitiv)
(2) duo cum faciunt idem, non est idem.
Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht daselbe.
Autor: Terenz
gramm.: idem.eadem, idem; cum mit ind.: wenn
(3) ducunt volentem fata, nolentem trahunt.
Den, der bereit ist, geleitet das Schicksal, den, der nicht bereit ist,
zerrt es fort.
Autor: Seneca, epistulae
formal: 6 Iamben
gramm.: substantiviertes Partizip (den Wollenden)
(4) amicus certus in re incerta cernitur.
Ein verläßlicher Freunde erweist sich erst im schwierigen Zeiten.
Autor: Ennius, zitiert von Cicero, de amicitia
formal: 6 Iamben, re incerta zusammengezogen, für heutiges Lesen nicht
sehr glücklich.
(5) magna pars est profectus velle proficere.
Ein großer Teil des Vorankommens ist: vorankommen wollen.
Autor: Seneca, epistulae.
(6) dimidium facti, qui coepit, habet: (sapere aude).
Wer anfängt, hat schon die Hälfte erreicht (also: wage es, klug zu sein,
fang an!).
Autor: Horaz, epistulae
formal: Hexameter (es gibt viel bessere!).
(manchen wohl noch bekannt: die Audi-Werbung: Si me bene audias, Audi vehi
audeas).
(7) ut desint vires, tamen est laudanda voluntas.
Wie sehr auch die die Kräfte fehlen, der Wille ist dennoch zu loben.
Autor: Ovid, epistulae ex Ponto
formal: Hexameter
gramm.: schlichtes Gerundivum als Prädikatsnomen im Hauptsatz.
(8) ceterum censeo Karthaginem esse delendam.
Im übrigen meine ich, daß Karthago vernichtet werden muß.
Autor: Cato, ursprünglich nur griechisch überliefert bei Plutarch, Cato
gramm.: schlichtes Gerundivum als Prädikatsnomen im aci.
(9) non est in rebus vitium, sed in ipso animo.
Der Fehler liegt nicht in den äußeren Umständen, sondern in dir selbst.
Autor: Seneca, epistulae.
(10) virtutes discere vitia dediscere est.
Tugenden lernen heißt Fehler verlernen.
Autor: Seneca, epistulae.
(11) nunc est bibendum!
Jetzt muß getrunken werden!
Autor: Horaz, vor Freude über den Tod der verhaßten Kleopatra
gramm.: Gerundivum ohne Subjekt ("unpersönlich")
formal: alkäische Strophe, erster Vers, erste Hälfte.
(12) nunc est agendum!
Jetzt muß gehandelt werden (jetzt wird in die Hände gespuckt)!
gramm.: Gerundivum wie eben.
(13) tamdiu discendum est, quemadmodum vivas, quamdiu vivas.
Wie du leben sollst, mußt du solange lernen, wie du lebst.
Autor: Seneca, epistulae
gramm.: Gerundivum wie eben; abhängiger Fragesatz; tamdiu ... quamdiu
(14) quaeris, cur saliant
pluviis? spes certa sereni est.
hac tu confisus pelle animi nebulas.
Du fragst, warum sie im Regen tanzen? - Es ist sichere Hoffnung,
daß bald die Sonne wieder scheinen wird (Hoffnung auf heiteren Himmel).
-
Darauf traue, und verscheuche, was dich bedrückt (die Wolken deines Gemütes).
Autor: unbekannt, Barockzeit; - dazu: ein Holzschnitt: zwei junge Bären
tanzen im Regen.
gramm.: abh. Fragesatz; - gen.obiectivus (Hoffnung auf heiteres Wetter);
formal: Distichon (zweiter Vers wohl ein wenig klappernd ...)
(15) post nubila Phoebus.
Auf Wolken folgt wieder die Sonne.
(16) donec eris felix,
multos numerabis amicos
tempora si fuerint nubila, solus eris.
Solange du glücklich bist, wirst du viele Freunde zählen;
wenn die Zeiten trübe (sein) werden, wirst du allein sein. -
"Freunde die zählst du in Mengen, solange das Glück dir noch hold ist;
doch sind die Zeiten umwölkt, bist du verlassen, allein.".
Autor: Ovid, Tristien (dort original: sospes statt felix)
formal: Distichon.
(17) non vitae, sed scholae discimus.
Nicht fürs Leben, nicht für unser Leben, sondern nur für die Schule lernen
wir.
Autor: Seneca, epistulae, voller Verzweiflung über den Leerlauf im Schulbetrieb
seiner Zeit.
gramm.: dat. finalis: fürs Leben, für die Schule.
(18) non scholae, sed vitae discimus.
Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.
Autor: unbekannt, gut gemeinte Umformung des bitteren Satzes von Seneca.
(19) gutta cavat lapidem (non vi, sed saepe cadendo).
Steter Tropfen höhlt den Stein
(nicht durch Kraft, sondern dadurch, daß er immer wieder fällt).
Autor: Ovid, epistulae ex Ponto;
zweite Hälfte später hinzugefügt; Autor nicht bekannt.
gramm.: Gerundium im Ablativ, mit Adverb
formal: Hexameter.
(20) sui cuique mores fingunt fortunam.
Der eigene Charakter schmiedet einem jedem sein Glück.
Autor: Cornelius Nepos, Atticus
gramm.: cuique, dat. zu quisque, wie immer an zweiter Stelle
formal: Doppelsperrung: sui mores - cuique fingunt fortunam; 6 Iamben.
(21) suae quisque fortunae faber est.
Jeder ist seines Glückes Schmied.
Autor: Sallust, epistulae
gramm.: quisque an zweiter Stelle, wie eben
formal: Doppelsperrung, wie eben.
(22) subsilire in caelum etiam ex angulo licet.
In den Himmel springen kann man auch aus einem bescheidenen Winkel.
Autor: Seneca, epistulae.
(23) parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.
Berge sind am Gebären. - Was kommt heraus? - 'ne kleine Maus.
Autor: Horaz, ars poetica
gramm.: fut. passiv (oder deponentisch)
formal: Hexameter, mit bewußt lächerlichem Schlußreim
(24) cui ergo ista didici? - non est, quod timeas, ne operam perdideris: tibi ipsi didicisti.
Für wen also habe ich das alles gelernt (wenn mich doch keiner danach fragt)?
-
Du brauchst keine Angst zu haben, daß du deine Mühe vergeudet hast :
Für dich selbst hast du es gelernt!
Autor: Seneca, epistulae
gramm.: dat. finalis: cui: für wen?; tibi ipsi: für dich selbst; - timeo,
ne ...mit coni.
(25) istud, quod tu summum putas, gradus est.
Das, was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe auf der Leiter.
Autor: Seneca, epistulae
gramm.: putare mit dopp. acc.
(26) carpe diem.
Genieße (pflücke) den Tag!
Autor: Horaz, carmina
(27) non est ad astra mollis e terris via.
Der Weg von der Erde zu den Sternen ist nicht sanft (bequem).
Autor: Seneca, Der rasende Herakles
formal: 6 Iamben. - Doppelsperrung: non est mollis - ad astra via (e terris).
(28) homo bonus semper tiro est.
Ein guter Mensch ist immer ein Anfänger (ist nie fertig, nie vollkommen).
Autor: Martial.
(29) incredibile est, mi Lucili, quam facile etiam magnos viros dulcedo orationis abducat a vero.
Es ist unglaublich, mein Lucilius, wie leicht die liebliche Verlockung
des Schönredens
selbst große Männer von der Wahrheit abbringt.
Autor: Seneca, epistulae
gramm.: abh. Fragesatz nach 'incredibile est'.
(30) difficile est saturam non scribere.
Es fällt schwer, hier keine Satire zu schreiben.
Autor: Juvenal.
(31) fiat lux.
Es werde Licht!
Autor: Vulgata, lat. Übersetzung der hebräischen Bibel. 1. Mose, Genesis.
gramm: coni. iussivus.
(32) sit tibi terra levis.
Möge die Erde dir leicht sein!
Autor: unbekannt; weit verbreiteter Grabspruch
gramm.: wie eben: coni.iussivus.
(33) occicit miseros crambe repetita magistros.
Der ständig wiedergekaute (aufgewärmte) Kohl bringt die armen Lehrer um.
Autor: Juvenal
gramm.: crambe: Weißkohl, langes e;
formal: große Sperrung: miseros magistros; dazwischen: crambe repetita.
(34) non, quia difficilia sunt, non audemus, sed, quia non audemus, difficilia sunt.
Nicht, weil die Dinge schwer sind, packen wir sie nicht an, sondern:
weil wir sie nicht anpacken, sind sie schwer.
Autor: Seneca, epistulae.
(35) nullum est iam dictum, quod non sit dictum prius.
Noch nie ist etwas gesagt worden, was nicht früher schon einmal gesagt
worden wäre.
Autor: Terenz
gramm.: Konjunktiv bei Existenzaussagen: Es gibt Leute, die ...; sunt,
qui dicant.
(36) expletur lacrimis egeriturque dolor.
Zum äußersten wird der Schmerz gebracht durch Tränen - und dadurch am Ende
gestillt.
"... wird doch der Kummer gestillt, der sich in Tränen ergießt".
Autor: Ovid, Tristien 4, 3, 40.
(37) nullum est malum maius quam non posse ferre malum.
Kein Übel ist größer als dieses: ein Übel nicht ertragen zu können.
Autor: incertus
(38) mens est, quae diros sentiat ictus.
(Es ist nicht der Leib): - Das Herz ist's, welches die grausamen Stiche
fühlt.
Autor: Ovid, Metamorphosen 4, 499
(39) nil nimis.
Nichts im Übermaß! - Lateinische Version des delphischen "Medén agan".
-
Vgl. dazu die Abiturrede von Matthias Glage, in dieser Rubrik "Varia Variorum".
Autor (Übersetzer): Cicero, Tusculanae disputationes.
(40) Tu ne cede malis, sed contra audentior ito!
Weiche dem Übel nie aus, doch tritt ihm mutig entgegen!
Autor: Vergil, Aeneis 6, 95
(41) Inveni portum. Spes et fortuna valete!
Ich habe den Hafen gefunden, Hoffnung und Glück, lebt wohl ...
Grabinschrift an der Nordwand der Tübinger Stiftskirche.
Dazu:Otto Weinreich, So nah ist die Antike, München (Piper) 1970, S. 97
- 180.
Dort auch (S. 165): eine der vielen Fortsetzungen:
(42) Inveni portum. Spes
et fortuna valete!
Sat me lusistis. Ludite nunc alios.
Ich
habe den Hafen gefunden, Hoffnung und Glück, lebt wohl ...
Mich
habt genug ihr genarrt. - Narret die anderen jetzt!
Hausinschrift an einer Villa an der italienischen Riviera ...
(43) Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo.
Wenn ich die Götter im Himmel nicht bewegen kann, dann eben die Götter
der Unterwelt ...
Wahlspruch
von Chr. B.; Vergil, Aeneis, 7, 312.
(wird fortgesetzt)
Menso Heyl (Abit. WG 1969; heute Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt)
Auf den folgenden Text sind wir - fast durch Zufall - erst jetzt gestoßen. Wir fanden ihn gut, sogar sehr gut, und haben den Verfasser gebeten, ihn hier abdrucken zu dürfen. - Zur Erläuterung: Der unten genannte Lehrer, der damals Kunst am WG unterrichtete, war natürlich kein anderer als Bernd Hering (heute sehr zurückgezogen und fern von aller Welt teils im mittleren Deutschland, teils im südlichen Frankreich lebend).
An die Hamburger Abiturienten 2001 - Hamburger Abendblatt "Extra" zum Abitur 2001 -
So manches vergißt der Mensch nie. Zum Beispiel den Augenblick, in dem er hört: "Sie haben das Abitur geschafft!" - Da verschwindet auf einmal der Druck, Notensorgen lösen sich in Luft auf, und am Ende von 13 langen langen Schuljahren angekommen, öffnet sich der Vorhang in ein neues Leben: Abitur - ein Tor zur Welt. Sie kennen dies Gefühl. Sie alle - bis vor kurzem Schüler von weit mehr als 100 Hamburger Schulen - finden Ihren Namen in diesem "Extra" des Hamburger Abendblatts. Denn Sie haben die Schule hinter sich. Sie sind der Abi-Jahrgang 2001. - Meinen Glückwunsch!
Sie gehören zu den 4943 von 5199 Schülern an staatlichen Hamburger Schulen, die sich der Reifeprüfung unterzogen und sie bestanden haben. Dazu kommen noch die Schüler der privaten Schulen. Die Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs haben im Durchschnitt die Note 2,6 erreicht und liegen damit dicht bei der Durchschnittsnote des Vorjahres (2,5). Sie werden etwas daraus machen.
Offenbar führen in der Großstadt mehr Wege in die höhere Schule als auf dem Land. Schließlich erwirbt hier ein Drittel aller Schüler die Berechtigung zum Studium. Hamburg hat die höchste Abiturquote, Bayern die niedrigste. Auch eine Art Nord-Süd-Gefälle. Jetzt, da der ganze Streß schon hinter Ihnen liegt, spüren Sie den Sog der Möglichkeiten. Die Feinfühligen haben wohl auch gemerkt, daß dieses Gefühl schnell in einen Druck der Erwartungen umschlagen kann.
Ich erinnere mich noch genau an Sätze, die uns ein Lehrer (am Wilhelm-Gymnasium) mit auf den Weg gab: "Auch der Schnellste kann immer nur einen Fuß vor den anderen setzen." So lautete sein erster Ratschlag. Und damit meinte er: Es ist besser, wenn wir nicht alles auf einmal wollen. - Und der zweite hieß: "Ihr seid die Zukunft, ihr habt in der Hand, was wird. Was immer ihr tut, seid tolerant." Mit dem Hinweis auf die Toleranz hatte er den einzig passenden Schlüssel zum Zusammenleben gemeint, im Privaten und im Gesellschaftlichen.
Auch wegen dieser Sätze denke ich heute gelegentlich an diesen Lehrer, der Kunst unterrichtete. Er hatte Recht. Einfache Antworten sind meist falsch; aber die gefährlichsten Antworten sind die einseitigen, die mit dem Absolutheitsanspruch.
Kaum geht es ums Abitur, fällt man ins Grundsätzliche... - Ihnen wird es sicherlich auch einmal so gehen. Je weiter die Schule zurückliegt, desto rosaroter wird die Brille, durch die man auf sie blickt.
Jetzt möchte ich Ihnen nur noch Glück wünschen - für das Leben nach der Schule.
Alles Gute: Menso Heyl
Der folgende Text ist die direkte Fortsetzung des vorigen Beitrages ("An die Hamburger Abiturienten 2001"; dort auch die Autorennotiz): Beim Telefonieren über diesen Beitrag ergab sich zwanglos die Frage, ob Menso Heyl nicht auch Lust hätte, beim nächsten Abitur in ähnlicher Weise als Ehemaliger zu unseren WG-Abiturienten zu sprechen. - Er hatte Lust, und das Resultat ist der folgende Text. Das Zitat zu Beginn wird hier allerdings nicht noch einmal wiederholt.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Abiturienten, liebe Freunde des Wilhelm-Gymnasiums
Mein Name ist Menso Heyl; ich bin Ehemaliger, Abitur-Jahrgang 1969. Ich darf heute vor Ihnen sprechen, weil Peter-Rudolf Schulz im Hamburger Abendblatt ein paar Zeilen von mir entdeckt und mich darauf angesprochen hat. Diese 'Eintrittskarte' stelle ich Ihnen jetzt - gekürzt natürlich - vor:
"So manches vergißt der Mensch nie", hatte ich in einem Leitartikel zu unserer Abitur-Beilage geschrieben, "zum Beispiel den Augenblick, in dem er hört: 'Sie haben das Abitur geschafft!' ..." usw. (s.o.).
So weit der Auszug aus meiner Eintrittskarte für den heutigen Abend. Diese Sätze habe ich Ihnen vorgetragen, um zu zeigen, wie sehr Schule nachwirkt. Nicht nur über die Vermittlung von Fähigkeiten und Kenntnissen, sondern auch über Grundhaltungen. Da mögen 34 Jahre vergangen sein, da mögen die Zeiten so verrückt sein, wie sie damals waren und wie sie heute sind.
Der erwähnte Kunstlehrer hieß übrigens Bernd Hering, - und er hatte seine Sätze zu einem Schüler-Jahrgang gesagt, der offenbar bis heute am Wilhelm-Gymnasium einen ominösen Ruf hat: Wir waren die ersten, die nach den Studentenunruhen von 1968 zur Matura anstanden. Für die sogenannte 68er-Generation waren wir als Schüler zwar einen Hauch zu jung, aber viele von uns, beileibe nicht alle, waren von dem damals aufkommenden Gedankengut infiziert.
Auf dieser hoch geschätzten und im besten Sinne bürgerlichen Schule und bei ihrem vom humanistischen Lehrauftrag durchdrungenen soliden Lehrkörper muß das für mehr Aufregung gesorgt haben, als wir Schüler es damals ahnten. Was sollte man auch von Oberstuflern halten, die plötzlich mit zerrissenen und beschrifteten Jeans herumliefen? - Die lange Haare trugen und sich Milchbärte wachsen ließen? - Die am liebsten neumodische Musik hörten und dazu vielleicht noch Dinge taten, über die man lieber nicht spricht?
Obendrein waren diese Schüler noch solche Kindsköpfe, daß sie im Papierkorb ein Tonbandgerät versteckten, von dem mitten im Geschichtsunterricht die völlig ansteckende Lache eines Mitschülers ertönte (unseren armen und betroffenen Geschichtslehrer, Herrn Deter, bedaure ich bis heute). -
Aber ich möchte noch nicht auf die Ebene der inzwischen längst rosig gefärbten Erinnerungen abgleiten. Denn wir müssen damals auf die Lehrerschaft wie das Ende ihrer pädagogischen Hoffnungen, wie ein Menetekel, gewirkt haben. Das ist noch heute - 34 Jahre später - aus der Abitur-Ansprache des damaligen und geschätzten Schulleiters Prof. Bömer herauszulesen. Er sagte dem Jahrgang 1969: "Ihnen ist von fast allen Instanzen, die sich dazu befugt glaubten, und von vielen, die dazu nicht befugt waren, immer wieder eingebleut worden, daß alles, oder doch nahezu alles, was diese ältere Generation, also wir, getan haben, Kurzsichtigkeit, Idiotie, Nazismus, Kriegsverbrechen, blinder Autoritätsglaube gewesen sei. Und das ist Ihnen so oft gesagt worden, daß Ihre Kritik eigentlich nur die Folge dieser Erziehung gewesen ist, von der die etablierte Gesellschaft natürlich wünschte, daß Sie sie zwar übernehmen, aber nicht konsequenterweise auch auf diese Gesellschaft selbst anwenden möchten." (Festschrift 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium, 1981, S. 251f.).
Der Abiturient Hans-Joachim Ganzer, mein Mitschüler, setzte ihm mit aller Gewißheit, die 19- oder 20-jährige haben können, entgegen: "Aber gerade auf dem Gebiet der Erziehung hat die Schule kläglichst versagt und wird auch noch weiter versagen. Jedenfalls vom Standpunkt eines Demokraten aus. Die einzige echte Erziehungsaufgabe des demokratischen Staates nämlich wäre, den im Elternhaus zwangsläufig patriarchalisch erzogenen Schüler zum Demokraten umzufunktionieren. Das läßt sich jedoch nicht nur damit machen, daß im Gemeinschaftskundeunterricht das Grundgesetz vorgelesen wird. Begreifen tut das nämlich keiner. Die Demokratie muß dem Schüler praktisch vorgeführt werden." (Mitteilungsblatt WG, 43, S.6ff.). - Klassenkamerad Ganzer dürfte sich später die Chance gegeben haben, seine Vorstellungen an der Wirklichkeit zu erproben. Er ist Lehrer geworden.
Vier Jahre nach der ungewöhnlichen Verabschiedung des Jahrgangs 1969 hat
das Wilhelm-Gymnasium erstmals wieder im Jahre 1973 eine Abiturfeier veranstaltet.
Danach verarbeitete die Lehrerin Gabriele Krüger die Kette der inzwischen
eingetretenen Entwicklungen (Mitteilungsblatt WG, 48/49, S. 24ff.: Die
Abiturfeier am WG - Kritik eines Betroffenen): "Das Lob, das der 'ordentliche'
Schüler dem Lehrer zollt, 'der Autorität ausstrahlt' und dadurch Ruhe und
Ordnung zur Arbeit herstellt, ist in Wahrheit ein Eingeständnis eigener
Hilflosigkeit, die die Schule dem Schüler zu überwinden helfen muß. Denn
was wird der 'tüchtige' Schüler nach dem Abitur machen, wenn ihm kein 'strenger
und gerechter' Lehrer mehr die Aufgaben stellt? Welchen Herrn wird er sich
suchen, wenn er zur Selbstbestimmung nicht fähig ist? ..." -
Meine Damen und Herren, - bisher hatten Sie an dieser Stelle als Redner aus dem Kreis der Ehemaligen einen Mediziner und einen Theologen. Jetzt steht vor Ihnen ein Journalist, also der Vertreter eines Berufsstandes, der in der Wertschätzung der Öffentlichkeit gleich nach den Politikern kommt. Und wenn ich mich heute an meine neun Jahre auf dem Wilhelm-Gymnasium erinnere, dann steht das scheinbar Politische, das ich vorhin so betont habe, gar nicht so sehr im Vordergrund. Es wirkt auf mich jetzt wie eine aufgesetzte Problematik. Und die frühesten Erinnerungen - die nun sind tatsächlich rosig - stammen von unserem Deutschlehrer Lüssenhop, aus der Zeit, als wir alle noch Untermieter am Kaiser-Friedrich-Ufer waren.
Für den besten Aufsatz gab es bei ihm - Lüssenhop war passionierter Jäger - als Anerkennung ein Geschenk: das Schwänzchen eines Hasen. Und obwohl ich diese Prämie selbst nie erhielt, habe ich bis heute nicht vergessen, daß das Hasenschwänzchen in der Jägersprache 'Blume' heißt.
Von Prof. Bömer, der Latein unterrichtete, erinnere ich, daß er die Angewohnheit hatte, unaufmerksame Schüler - durchaus spürbar - an den Koteletten zu zwirbeln.
Und ich erinnere mich an den geraden und offenen Charakter meines Mathematiklehrers Fritz Hauschild, der lange mein Klassenlehrer gewesen ist, der gerade 75 wurde und heute auch unter uns weilt. Er hat nicht nur meine stets fehlerhaften Leistungen zu verbessern gesucht, sondern wohl auch des öfteren seine Hand schützend über mich gehalten.
Apropos Revolutionär: Mit unserem Jahrgang verbindet sich eine wirklich umstürzlerische Entwicklung. Wir waren die erste Klasse, deren Schülern es ermöglicht wurde, auf den Französisch-Zug zu wechseln. Das muß etwa 1963 gewesen sein. - Welch eine Aufregung! Durfte ein klassisches Gymnasium etwas so Modernistisches, etwas so Populäres einführen? Mußten davon nicht die humanistischen Fundamente des ganzen Schulgebäudes erzittern?
Für mich persönlich kam das wie gerufen: Ich hatte im Zeugnis gerade eine 5 in Griechisch kassiert. Mit dem Wechsel in die 'c', also die Französisch-Klasse, entfiel die Wertung dieses 'mangelhaft'. Manchmal öffnet das Leben eben Türen, die fest verschlossen schienen. - Wir begannen mit etwa 11 Schülern; irgendwie war nach ein oder zwei Jahren nur noch ein einziger übrig geblieben - ich. Die Schulleitung sagte meinem Vater: "Sie müssen verstehen, einem Schüler Einzelunterricht zu geben, das ist Verschwendung von Lehrkraft. Ihr Sohn muß die Schule wechseln." - Mein Vater sagte: "Das wird er nicht tun. Sie haben meinen Sohn aufgenommen, lassen Sie ihn also hier auch seinen Weg zum Abitur gehen."
Mein Vater hat sich durchgesetzt und der junge Menso bekam Einzelunterricht, in einem kleinen Raum im ersten Stock, schräg über dem Hausmeister-Büro, dem jetzigen Krankenzimmer, wie ich höre. - Eine lange Zeit unterrichtete mich Frau Mohr, damals hieß sie noch Niekerken, die es als Vertreterin des französischen Zweigs, also der Moderne, auch nicht gerade leicht hatte. Danach hat mich dann der unvergessene Dr. Hinrichs unterwiesen. Die beiden haben saubere Arbeit geleistet: Noch Ende der 80er Jahre konnte ich mit Philippe, dem Sohn von Charles de Gaulle, ein Interview in seiner Muttersprache führen, so sehr hatten sich Grammatik und Vokabeln eingebrannt. Bis auf ein Wort: Die Übersetzung für Kirchturm (Belfroit) fiel mir partout nicht ein, aber die Vokabel war wohl im Unterricht nicht vorgekommen.
Diese Schule, das Wilhelm-Gymnasium, ist bis heute für mich die entscheidende Schule geblieben. Ich brauche nur das große Schild "Klosterstieg" zu sehen - und schon dreht sich die Spule der Erinnerung. Die Schule stellt die eigene Kursnadel auf ganz bestimmte Felder ein. Es kommt eben nicht von ungefähr, daß ein Abiturient später z.B. Geschichte studiert und sich für das öffentliche Leben interessiert.
Die Einstellung der Kursnadel? Für Musterschüler mag dies auf verhältnismäßig direktem Wege wirken. Schüler aber, die die Schule als gelegentliche Katharsis erleben, können auf einem Umweg große Stärken gewinnen: Möglicherweise entwickeln sie einen Sinn fürs Durchkommen, entdecken eine lebenslang wirkende Kraftquelle zum Durchhalten. Widerstehen, kämpfen, und die Hoffnung aufs Gewinnen nicht zu verlieren, gehört das auch zum humanistischen Lehrauftrag? Vielleicht doch.
Schule, diese Schule, das Wilhelm-Gymnasium, wirkt nach. - Pädagogen mögen zu einem Berufsstand gehören, dessen Vertreter nicht gerade die höchste Lebenserwartung haben. Und doch leben Lehrer am längsten: Sie leben so lange wie der letzte Schüler lebt, der sich ihrer erinnert.
Rückblick
auf das Jubiläumstreffen am 7.September 2002, mit einem Nachtrag von
Philip Marx (Abit. 1997)
Der folgende Brief wurde am 29. September per e-mail an die Ehemaligen
verschickt.
Heute, genau drei Wochen nach dem Jubiläumstreffen am 7. September, wieder ein kurzes Schreiben von den Ehemaligen.
Zuerst, wie üblich, eine herzliche Begrüßung an alle, die sich an diesem Tag neu in unsere Verteilerliste eingetragen haben; wir versprechen, daß wir Sie auf diesem Wege übers WG auf dem laufenden halten werden, - nicht zu selten und nicht zu oft.
Nach allem, was wir erlebt haben und was wir jetzt nachträglich hören, war es diesmal wieder ein guter und für viele auch bewegender Tag, der - nicht zuletzt wegen des herrlichen Sommerwetters - für manche bis in den späten Abend und in die frühe Nacht ging (vermutlich die letzte Sommernacht dieses Jahres auf dem Schulhof).
Wenn man dann am folgenden Montag in der großen Pause wieder die Sextaner und alle anderen durch die Pausenhalle und über die Kellertreppe ins Kapheneion laufen sieht, fragt man sich, welches denn nun eigentlich das WG sei: das bunte Treffen am Sonnabend oder die lärmenden Stimmen am Montagmorgen. - Die Antwort ist klar: keins kann ohne das andere sein.
Wie Sie wissen, geht ein solches Treffen nicht ohne eine kleine Schar von mithelfenden Schülern und Schülerinnen. Hier hatten wir diesmal offensichtlich besonderes Glück. - Dazu aus dem Brief eines unserer ältesten Abiturienten, die diesmal dabei waren (Abit. 1935 (!) - er war übrigens eigens für dieses Treffen aus den USA nach Hamburg angereist und schickte uns nachträglich einen Scheck über eine erhebliche Summe, die "vielen Zwecken" dienen sollte): "... last und nicht least in Dankbarkeit für die großartigen jungen Leute zwischen 13 und 30 Jahren, mit denen zu sprechen ein großes Vergnügen war: für alles, was auch immer sie taten, hatten sie großen Enthusiasmus." -
Fast parallel dazu die Spende und fast wortgleich die Äußerung eines Ehemaligen aus Süddeutschland (Abit. 1937; er hatte sich zwar nicht aus Chicago aufgemacht, aber immerhin aus München, hatte morgens kurz vor 5.00 Uhr den ICE bestiegen, um dann pünktlich um 11.00 Uhr im WG zu sein, - und dort zu bleiben, bis der letzte Zug zurück nach München ging). Auch er neugierig auf das heutige WG und vor allem auf die anwesenden Schüler und Schülerinnen; auch er glücklich und begeistert: er wolle so bald wie möglich wiederkommen, nicht erst in fünf Jahren.
Wir haben dabei eins gelernt: Gespräche zwischen den "Alten" und den "Jungen" ergeben sich, wenn überhaupt, nur zwanglos, nebenbei, über den Tisch hinweg, während man ein Glas Wein bezahlt oder sich in eine Liste einträgt. - Wir haben früher einmal versucht, so etwas zu organisieren, als "Podiumsdiskussion", mit ausgesuchten Teilnehmern: das Ergebnis war so krampfhaft und so öde, daß wir es nie wieder gemacht haben. - Kleiner Haken bei dem Ganzen: Das heutige WG lernt man auf diesem Wege natürlich nicht kennen, nur einige wundervolle Kinder, die zur Zeit dort Schüler oder Schülerinnen sind und sich freiwillig für diesen Tag zum Helfen gemeldet haben. Wenn man aber Glück hat, können einem diese Kinder viel farbiger und viel offener über das heutige WG berichten als alle Lehrer und alle offiziellen Vertreter der Schule.
Die Schule rüstet sich im Moment auf die Herbstferien (3. bis 20. Oktober). - Die 10. Klassen und die gesamte Oberstufe sind ohnehin seit zwei Wochen auf Austauschreisen und Projektfahrten unterwegs: Italien, Spanien, Griechenland, Türkei und - zum ersten Mal - Ägypten. Einige Fahrten gehen, wie üblich, noch in die Herbstferien hinein. - Für die Zurückgebliebenen gab es in der letzten Woche eine "Projektwoche": Es wurden Flugzeuge, Ballons und Schiffe gebastelt, auch modische Kleidungsstücke hergestellt, Aufführungen verschiedenster Art vorbereitet usw. - Eine Schülergruppe hat während der Woche eine "Projektzeitung" hergestellt, die in lockerer Form über den Verlauf und die Ergebnisse aller Projekte berichtet. Sie ist ganz witzig und pfiffig geworden, so daß wir für Interessenten einen kleinen Vorrat reserviert haben.
Wie immer: herzlich grüßend
und mit Dank für Ihr Interesse: Schulz
28. Sept.2002
- nachträglich (aus einem Brief, der uns kurz nach diesem Schreiben erreichte, von Philip Marx, Abit. 1997):
Besonders fasziniert hat mich in der Tat Henry Nord, aus Chicago, der sich extra zum Treffen der Ehemaligen nach Hamburg aufgemacht hatte. - Jedoch war ich weniger wegen der langen Reise fasziniert, als wegen seiner Verbundenheit mit dem WG, obwohl er vor fast 70 Jahren dort sein Abitur gemacht hatte und dann aufgrund seiner Herkunft (er war Jude) aus Deutschland flüchten mußte, um zu überleben.
Bei ihm war noch ein Herr seines Jahrgangs, der eben das erlebt hat, was Männern seines Jahrgangs damals in Deutschland blühte: das Dritte Reich, Krieg und russische Gefangenschaft (gemeint sicher Prof. Dr. Hanns-Theodor Flemming).
Diese beiden Herren, mit ihren ganz unterschiedlichen vitae, gerade in ihren Lebensjahren nach ihrem Abitur (also in meinem Alter) zu treffen oder besser: zu erleben, - und dennoch die gemeinsame Verbundenheit mit dem WG zu sehen, über Jahre und Schicksal hinweg, war für mich sehr eindrucksvoll.
Helga
Urbach zum 78. Geburtstag am 1. August 2002. - Von Peter-Rudolf Schulz
Helga Urbach, Dr. phil. (Latein und Griechisch), lange Jahre Lehrerin am WG, seit etwa zwölf Jahren offiziell im Ruhestand, Generationen von WG-Schülern und WG-Schülerinnen bekannt, vor allem als rastlose und unermüdliche Protektorin unseres Schülerrudervereins, jetzt also 78 Jahre alt, trotzdem nach wie vor beinahe täglich in der Schule präsent und tätig, - hat vor kurzem vom Senat der Freien und Hansestadt eine Ehrenmedaille überreicht bekommen, als Dank und Anerkennung für ihre besonderen Verdienste und ihren ungewöhnlichen Einsatz.
Auf Wunsch und Bitte der Behörde hat zu diesem Anlaß Peter-Rudolf Schulz (1951 einer ihrer ersten Schüler und jetzt derjenige aus dem Kreise des Kollegiums, der sie sicher am längsten kannte) auf einigen Blättern kurz zu skizzieren versucht, wie er sie all die Jahre hindurch gesehen und erlebt hat, - eine Skizze also aus ganz persönlicher Sicht. Daraus hier noch einmal einige Auszüge, z.T. gekürzt und leicht verändert:
"... Nach Studium, Doktorprüfung, Staatsexamen und Beginn des Referendariats an der Klosterschule erschien sie 1951 bei uns am Wilhelm-Gymnasium: als Referendarin im 3. Semester, übrigens einzige Frau unter lauter männlichen Lehrern. - Ich (damals selbst Schüler am WG), habe sie dort persönlich im Unterricht erlebt: Latein, Klasse G 10, bei Werner Rockel, und ich erinnere mich noch genau, daß sie auf uns 29 Jungen vom ersten Tag an ungewöhnlich couragiert und energisch wirkte, nicht zuletzt auch im Gegensatz zu einigen ihrer männlichen Mitbewerber ums Höhere Lehramt, die damals als Referendare bei uns auftauchten.
Danach, nach dem zweiten Staatsexamen, zunächst Fachlehrerin an der Klosterschule, bis Ende 1958 (auch noch nach der Geburt der ersten beiden Kinder). - Nach der Geburt des dritten Kindes Unterbrechung der Berufstätigkeit. - Insgesamt fünf Kinder (übrigens allesamt Schüler und Schülerinnen an unserer Schule).
Seit November 1970 war sie wieder am Wilhelm-Gymnasium tätig, zunächst vorwiegend im Lateinunterricht, den sie energisch und mit originellen Ideen durchführte: Geradezu legendär ihr Leistungskurs Latein mit dem Semesterthema "Lateinische Münzen und Inschriften" und der abschließenden Abiturarbeit über den Begriff des "pater patriae" - und seine Verwendung in der römischen Tagespolitik, natürlich mit einer Fülle verschiedenster Quellen, die zu übersetzen und zu interpretieren waren. Unvergessen auch ihr Arbeiten mit dem wundervollen, heute leider verschwundenen Lehrbuch "De vita et moribus familiae cuiusdam Romanae", bei dem es u.a. nicht ohne ein eigens dafür hergestelltes Lexikon - "Nokixel" - abging). - Daneben setzte schon sehr bald ihre Mitarbeit im Schwimmunterricht der Unterstufe ein.
Anfang der 70er Jahre begann dann ihre Liebe zum Rudersport und ihr unermüdlicher Einsatz für unseren Schülerruderverein. Der Anstoß dazu kam meines Wissens von außen, durch die begeisternde Erfahrung, die eine ihrer Töchter von einem kurzen Ruderlehrgang mitgebracht hatte. Frau Urbach muß sich damals in den Kopf gesetzt haben, daß sie diese begeisternde Erfahrung auch den Schülerinnen und Schülern unserer Schule vermitteln wollte und daß sie zu diesem Zweck den (von vielen schon fast totgesagten) GRV"H" aus seiner Trägheit befreien und zu neuer Blüte und neuem Leben führen wollte.
Genau dies hat sie in kurzer Zeit erreicht. Sie hat es nicht nur geschafft, die Schüler und (zeitweise mehr noch) die Schülerinnen zu begeistern, sondern mit der ihr eigenen Beharrlichkeit hat sie unermüdlich auch bei Behördenstellen, Vereinen, Trainern, Eltern und Lehrern für die Sache, die inzwischen auch ihre Sache war, geworben. Nach einer groben Schätzung muß sie in diesen Jahren weit über tausend Briefe in unsere alte Schulschreibmaschine gehämmert und in alle Richtungen verschickt haben, dabei stets am Ball bleibend und unbeirrt nachhakend, wenn der erste Anlauf nicht den gewünschten Erfolg hatte.
Als Kollege gehörte ich dabei oft zu den "Betroffenen", denn da sich aus meinen damaligen Klassen stets besonders viele Schülerinnen und Schüler dem Rudern verschrieben hatten, verging kaum ein Projekt, kaum eine Klassenfahrt, ohne daß einige zwischendurch zum Training oder zu Regatten mußten. Selbst eine Fahrradtour über die dänischen Inseln oder eine Studienfahrt nach Griechenland war für Frau Urbach kein Hinderungsgrund, und sie hat immer gewonnen: Rudern ging vor, und schließlich wäre ein ganzer Vierer oder ein ganzer Achter auseinandergebrochen, wenn nicht usw. ... - Ich muß zugeben, daß ich in solchen Situationen nicht immer nur gut auf sie zu sprechen war, aber schon damals, wenn ich sie mit den Jungen und Mädchen am Steg und auf dem Wasser erlebte, überwog die Bewunderung für ihren Einsatz.
Ich glaube, ich habe auch erkannt, was der eigentliche Motor ihrer Tätigkeit
war. Als sie begann, wurden in der Schulbehörde in der Hamburger Straße
gerade die berühmten "Allgemeinen Lernziele" formuliert. Ich bin sicher,
daß Frau Urbach diese Texte nie gelesen hat, aber sie hat erfahren, daß
genau die Dinge, die dort als Ziele formuliert waren (Verantwortung, Verläßlichkeit,
Rücksichtnahme usw.), im täglichen Umgang mit den Jungen und Mädchen Wirklichkeit
wurden, sowohl im alltäglichen Rudertraining wie im gemeinsamen Hinarbeiten
auf Regatten und sportliche Erfolge, und diese Wirklichkeit war und ist
ihr wichtig. So wichtig, daß sie auch in Zukunft damit nicht aufhören wird."
Abiturrede Gudrun Ullrich am Wilhelm-Gymnasium; 20. Juni 2002
Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten!
Als ich gefragt wurde, ob ich an eurem Entlassungstag ein paar Worte an euch richten könne, antwortete ich mit einem entschiedenen Nein und einem kleinen und unentschlossenem Ja, auf dem ich jetzt sitzen geblieben bin. - Einerseits weiß ich nicht, ob ich euch überhaupt etwas zu sagen habe, was eure Aufmerksamkeit findet, andererseits ist es mir durchaus ein Anliegen und Bedürfnis, euch, die ihr jetzt nach neun Jahren das WG verlasst und in die große, weite Welt hinauszieht, ein paar Abschiedsworte zuzurufen.
Viele, aber nicht alle von euch habe ich im Unterricht kennengelernt, dennoch glaube ich - im Bewusstsein meiner Standortgebundenheit, Parteilichkeit und reinen Subjektivität - sagen zu dürfen, dass ihr ein bemerkenswerter Jahrgang gewesen seid, - und natürlich noch seid: da seht ihr mal, wie schnell man zur Geschichte wird!
Wie habe ich euch wahrgenommen? Eigensinnig (im positiven Wortsinn Hermann Hesses), selbstbewusst, skeptisch und kritisch, aber auch ein wenig unorganisiert, chaotisch und verspielt, dennoch offen, neugierig, kreativ - und, wenn es sein musste, von großer Ernsthaftigkeit und mitreißendem Elan. Ihr wart der Jahrgang, auf den ich schon immer gewartet habe, der mich auf hohem Niveau reizte und herausforderte, mit dem ich gerne stritt und diskutierte, dem ich gespannt zuhörte, von dem ich lernen konnte, über den ich mich manchmal ärgerte und auf den ich mich immer wieder freute.
So liegen zwei Jahre der lebendigen und produktiven Zusammenarbeit hinter uns, in der wahrlich nicht die "Brotgelehrten", sondern tendenziell eher die "philosophischen Köpfe" regierten - eine Kategorisierung, wie sie Friedrich Schiller 1789 in seiner berühmten Antrittsvorlesung "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" in Jena erfand. - Der "philosophische Kopf", so Schiller zu seinen Studenten, "schreitet voran zu immer neuen Erkenntnissen und findet in seinem Gegenstand selbst Reiz und Belohnung, nicht was er treibt, sondern wie er das, was er treibt, behandelt, unterscheidet ihn vom Brotgelehrten". - Tendenziell und, soweit es der Schulalltag überhaupt zulässt, waren wir manchmal nah dran - am "philosophischen Kopf"!
Als ich in Schillers vor über 200 Jahren geschriebenen Vorlesung herumstöberte, tat ich dies natürlich nicht, um etwas über "Brotgelehrte" und andere Köpfe in Erfahrung zu bringen, sondern weil ich, die ich einen Teil von euch zwei Jahre in Geschichte und ein Jahr in Gemeinschaftskunde unterrichtet hatte, der Frage nach der Aneignung, dem Umgang und der Bedeutung von Geschichte im Wechsel der Zeiten bis heute nachgehen wollte, - einer Frage, die mir, wie ihr wisst, besonders am Herzen liegt.
1789 bewegte sich Schiller noch voller Optimismus im historischen Diskurs der Aufklärung: "Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte, in ihrem Kreise liegt die ganze moralische Welt." - Schiller ging von einer sich stufenweise vollziehenden Sinngebung der Geschichte durch die Vernunft aus. Sein Jahrhundert, das 18., hielt er für ein "menschliches Jahrhundert", auf das die anderen Jahrhunderte, ohne es zu wissen, nach dem Gesetz der Vernunft zugearbeitet hätten (Hegels Weltgeist und seine List der Vernunft lassen schon grüßen!). In der Anwendung der historischen Erfahrungen auf die Gegenwart und Zukunft sah Schiller letztlich den tiefsten Sinn der Geschichte; der Geschichtsschreibung wies er eine auf die Gegenwart orientierte Erkenntnisfunktion zu. Geschichte solle gerade in der Gegenwart wirksam werden und nicht zu einer Flucht in die Vergangenheit führen. "Die Geschichte heilt uns von der übertriebenen Bewunderung des Altertums und von der kindischen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, und indem sie uns auf unsere eigenen Besitzungen aufmerksam macht, lässt sie uns die gepriesenen goldenen Zeiten Alexanders und Augustus' nicht zurückwünschen." - So weit der politische, der aufgeklärte Schiller; - wohl dem, der wie er im Jahrhundert der Vernunft zu Hause war!
Aber auch die Geschichtsschreibung mit ihren Versuchen, Geschichte zu deuten und ihr - nachträglich - einen Sinn zuzuschreiben, unterliegt dem historischen Wandel, wird selbst zur Geschichte. - Ganz anders als Schiller formulierte etwa im 19. Jahrhundert der Historiker Leopold von Ranke sein Objektivitätspostulat: Es sei Aufgabe der Geschichtsschreibung, "bloß zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist". - Der Glaube der Historiker, sie könnten ihre historischen Darstellungen auf objektive Fakten gründen und zur historischen Wahrheit führen, basierte im realistischen 19. Jahrhundert auf der Gewissheit, dass die Wirklichkeit objektiv wahrnehmbar sei.
Heute ist die Wirklichkeit zu einem erkenntnistheoretischen Problem geworden, und so provozieren gerade die Fakten mit ihrem Anspruch auf Wahrheit Zweifel: Wie zuverlässig sind Fakten? Wer wählt sie aus? Wie gelangen sie in das kollektive Gedächtnis? Ist dem Erkenntnis-Subjekt überhaupt zuzutrauen, das erkenntnisunabhängige Objekt abzubilden? Oder entspricht dies nur noch der Vorstellung eines naiven Realismus?
Schon Walter Benjamin, Kulturhistoriker, Kritiker und Schriftsteller, der 1933 Deutschland verlassen musste, schrieb 1940 in seiner Schrift "Über den Begriff der Geschichte": "Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen." - Selbst Vertretern der reflektierten Realismusposition, die sich Rechenschaft über die Schwierigkeit ablegen, eine adäquate Reproduktion vergangenen Geschehens darzustellen, und davon überzeugt sind, dass die Standortgebundenheit und subjektive Einfärbung des Erkennenden das historische Objekt durchsetzen und im Grunde schon verändern, bevor es erkannt wird, wird heute von Vertretern des "linguistic turn" oder der Foucaultschen Diskursanalyse "verstockter Positivismus" vorgeworfen. - Geschichte kann sich ihres Gegenstandes nicht mehr sicher sein. Schon wird von der "unsicheren Geschichte" gesprochen. - Geschichte sei verschieden, verschieden, verschieden!
Und freilich entwickelt die Geschichte eine Dynamik, die durch Zweifel entsteht, die das jeweils behauptete Faktum und die jeweilige Deutung erwecken. Geschichte wird so zum endlosen Dialog auf der unendlichen Suche - vielleicht doch nach Wahrheit....?
Jetzt stellt sich die Frage neu: Wozu und zu welchem Ende noch Geschichte? - Gelten die berühmten Worte des uns wohlbekannten großen Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt nun nicht mehr? "Der Geist muss die Erinnerung an sein Durchleben der verschiedenen Erdenzeiten in seinen Besitz verwandeln. Was einst Jubel und Jammer war, muss nun Erkenntnis werden [...]. Damit erhält auch der Satz 'Historia vitae magistra' einen höheren und zugleich bescheideneren Sinn. Wir wollen durch Erfahrung nicht sowohl klug (für ein andermal), als vielmehr weise (für immer) werden."
Freilich greift Burckhardt hier zu den Sternen der Erkenntnis, aber ernstzunehmen bleiben seine Worte dennoch, wert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Allerdings dürfen wir es uns im Umgang mit der Geschichte und der Geschichtsschreibung nicht mehr so leicht und einfach machen, müssen wir lernen, uns als aktive, prüfende, hinterfragende, kritische Teilnehmer in den historischen Diskurs einzuschalten, müssen wir lernen, uns in These und Antithese zu orientieren und Schlüsse zu ziehen, denen ein gewisser Vorbehalt eigen ist. Nichts hat sich sonst an der Einsicht von Marc Bloch, einem großen französischen Historiker, Mitglied der Résistance, 1944 von den Nationalsozialisten ermordet, geändert, dass nämlich das "Unverständnis der Gegenwart gegenüber zwangsläufig aus der Unkenntnis der Vergangenheit entstehe".
Schon Thukydides nahm für seine Darstellung des "Peloponnesischen Krieges" im 5. Jahrhundert v. Chr. in Anspruch, das Buch nicht zur einmaligen Unterhaltung, sondern als Besitz für immer geschrieben zu haben. In der letzten Literaturbeilage der ZEIT - verzeiht, aber einmal musste dieses Blatt heute genannt werden! - rät Jens Jessen, "Keine Angst vor Thukydides" zu haben, sondern bei ihm, am Beispiel Athens und des sogenannten Melierdialogs (zwischen den Gesandten Athens und dem Rat der Insel Melos, der sich auf das Recht der Verträge beruft, die die Großmacht Athen allerdings nicht einzuhalten gewillt ist), zu studieren, wie die politische Dynamik der Macht und ihr tödliches Wesen sich entfalten - und wie es zu einem Imperialismus aus Notwehr zwecks vorsorglicher Verteidigung der eigenen Lebensform kommt. - Analogien zur Gegenwart sind erwünscht: auch das heißt: aus der Geschichte lernen.
Wie wollte man heute den Nahost-Konflikt verstehen, wüsste man nichts von seinen Wurzeln, seinem Ursprung, seiner Geschichte? - Wie ließe sich eine vom Mediengeschrei unabhängige und sensible Meinung über den sogenannten Antisemitismusstreit bilden, hätte man keine Kenntnisse über die Geschichte der Judenfeindlichkeit und des sogenannten modernen Antisemitismus vom Mittelalter über das deutsche Kaiserreich bis zu den mörderischen Exzessen der nationalsozialistischen Diktatur? - Nur über das reflektierte, problembewusste, kritische Studium der Geschichte gewinnen wir Einsichten, Urteilsvermögen, innere Freiheit, Unabhängigkeit im Denken und eigene Identität, die das Verstehen der Gegenwart ermöglichen und vielleicht sogar das aktive Eingreifen in das Geschehen der Gegenwart als Notwendigkeit erscheinen lassen. Nietzsche hat es 1874 so gesagt - gestattet mir ein letztes Zitat : "Wir brauchen die Historie zum Leben und zur Tat, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben und von der Tat oder gar zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat."
Wie das geht, habt ihr schon versuchsweise vorgemacht: Ihr "philosophischen Köpfe" habt, um der historischen und politischen Erkenntnisse willen, geackert und gearbeitet (z.B. mit dem Archivmaterial des WG, als ihr versuchtet, die Geschichte der NS-Zeit an unserer Schule zu erforschen), habt dabei unbequemen Entdeckungen standgehalten, Widersprüche ausgehalten, Einsichten gewonnen, die Selbständigkeit im Urteil verrieten und zum Handeln aufforderten.
Bleibt euch in diesem Sinne treu, - dann ist für eure, aber auch für unsere Zukunft schon viel gewonnen - Und: Vergesst die Träume und das Träumen nicht!!!
Wir wünschen euch von Herzen alles Gute!
Abiturrede Prof. Johannes Beutler SJ (Rom; Abit. WG 1952) am Wilhelm-Gymnasium, 20. Juni 2002
Liebe Abiturientinnen und
Abiturienten 2002 des Wilhelm-Gymnasiums,
liebe Eltern, Lehrerinnen
und Lehrer, liebe Gäste,
ich danke meiner alten Schule ganz herzlich, daß ich heute als Vertreter des Abiturjahrgangs 1952 hier zu Ihnen sprechen darf. Es war nicht ganz selbstverständlich, daß man zu diesem Anlaß auf einen Jesuiten aus Rom verfällt. Umso dankbarer bin ich, daß es möglich wurde.
Vermutlich interessiert Sie vor allem, was ich von meiner Schulzeit am WG 1946 - 1952 mitnehmen konnte. Lassen Sie mich damit beginnen, was ich weitgehend nicht mitgenommen habe: Es sind die vielgestaltigen Lerninhalte, die wir in diesen Jahren in uns hineingestopft haben oder die auch in uns hineingestopft wurden. Nach einer berühmten französischen Definition gilt: "Éducation c'est ce qui reste, quand on a tout appris et tout oublié" - "Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles gelernt und alles wieder vergessen hat." - In diesem Sinne hat uns das WG hervorragend gebildet: Von der damals gelehrten und gelernten Mathematik ist bei mir als Philologen und Theologen fast nichts übrig geblieben außer den vier Grundrechenarten, und auch die am liebsten mit dem Taschenrechner praktiziert. Mehr weiß ich noch aus den Bereichen von Physik, Chemie und Biologie, vermutlich, weil sie anschaulicher waren. Hier sind durchaus Erinnerungsreste verblieben, manchmal verbunden mit Hobbyinteressen wie der Astronomie (der Zunft meines Patenonkels an der Hamburger Sternwarte), manchmal im Zusammenhang mit meinen späteren Studien der Philosophie, näherhin der Naturphilosophie in Frankfurt und München. - Heute werden Grundkenntnisse auch bei moralphilosophischen und -theologischen Problemen verlangt wie bei der zur Zeit laufenden Debatte um Genforschung.
Stärker geprägt haben mich die Sprachen, weil hier das im weiteren Sinne humanistische Anliegen der Schule leichter zu vermitteln war. Es war nicht nur der Unterricht in den alten Sprachen, der uns und mich persönlich stärker ansprach, sondern auch derjenige der neuen wie Deutsch oder Englisch. Ob es "Vanity Fair" war oder Erzählungen von Hermann Hesse: hier wurde menschliche Erfahrung vermittelt. - In bleibender Erinnerung sind mir vor allem platonische Dialoge geblieben: Eine Abneigung gegen formalen Sophismus hat sich wohl uns allen aus solchen Stunden der Lektüre bleibend mitgeteilt.
Aber damit bin ich auch schon bei den Lehrerpersönlichkeiten. Sicher haben sie uns stärker geprägt als die von ihnen vorgetragenen Inhalte. Diejenige Gestalt, die in den letzten Schuljahren wohl den bleibendsten Eindruck auf uns von der G13b gemacht hat, war unser Klassenlehrer Dr. Herbert Drude. Dabei stehen noch einmal die normalen Unterrichtsstunden hinter dem Außergewöhnlichen zurück. Dazu kann man schon zählen, daß Dr. Drude uns an heißen Sommertagen mit aufs Dach nahm, um den Unterricht mit einem Sonnenbad zu verbinden. - Etwa ein Jahr vor dem Abitur begleitete er uns auf einer Klassenreise per Fahrrad die Lahn hinunter von Kassel bis zum Rhein. Immer wieder, wenn wir vor einer Sehenswürdigkeit standen, für die wir Banausen nicht den rechten Respekt aufbrachten, sagte er zu uns, in seinem rauhen Männerton: "Bewundern!" - Der eher zurückhaltende Mecklenburger hatte Tränen in den Augen, als er uns vor Weihnachten eine Erzählung von Dostojewski vorlas (den er Russisch zu lesen verstand).
Ich sah ihn viele Jahre später noch einmal mit Tränen in seinen Augen, als ich 1963 in Bergedorf meine erste Heilige Messe feierte. Dr. Drude war damals aufgrund eines Schlaganfalls teilweise gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. In diesem erschien er aber von Langenhorn aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln, von seiner Lebensgefährtin begleitet, um an meinem Gottesdienst teilzunehmen. Als ich sagte: "Aber Herr Dr. Drude, daß Sie so weit hierher gekommen sind ...!", sagte er nur: "Aber das ist doch selbstverständlich!".
Zu den für mein späteres Leben wichtigen Gestalten gehörten natürlich auch, und dies in hohem Maße, unsere katholischen Religionslehrer aus dem Jesuitenorden. Der Unterricht mußte damals in Früh- oder Spätstunden gehalten werden. Zu den Frühstunden mußte man sich von Bergedorf aus schon vor sechs Uhr auf den Weg machen. Ich habe es nie bereut. - Die gleichen Patres, die den Unterricht gaben, waren auch unsere geistlichen Gruppenleiter in der Katholischen Studierenden Jugend (Bund Neudeutschland). So lernten wir sie auch als Menschen und Seelsorger kennen, konnten bei ihnen Exerzitien machen und entscheidende Impulse für unser späteres Leben gewinnen.
Lassen Sie mich auch ein Wort sagen zu den Rahmenbedingungen dieser Hamburger Schulzeit von 1946 bis 1952. Ich kam Ostern 1946 aufs Wilhelm-Gymnasium, da der gymnasiale Zweig an unserer wiedereröffneten Bergedorfer Hansaschule erst vom kommenden Jahr an wieder eingerichtet werden sollte. So wurde ich für sechs Jahre Fahrschüler, zusammen mit einer Reihe von Klassenkameraden aus Bergedorf oder dem Sachsenwald, mit denen ich z.T. noch heute - nach unendlich vielen Skatrunden in der Bahn auf der Rückfahrt (auf der Hinfahrt präparierten wir noch unsere Texte) - Verbindung halte. - Ein Bild hat sich mir unauslöschlich eingeprägt: dasjenige von vielen Kilometern Trümmern, durch die ich täglich zweimal fahren mußte. Von Tiefstack über Rothenburgsort und Hammerbrook bis nach St. Georg zwischen Berliner Tor und Hauptbahnhof stand kaum noch ein Haus.
Wir dachten als Schüler noch nicht zu intensiv darüber nach, worauf diese Zerstörung zurückzuführen war, wenigstens nicht in den ersten Jahren der Unter- und Mittelstufe. Später schon. Daß nie wieder Krieg sein möge, war ein Wunsch, der sich fest in mir verankert hat. Er hat später meine Theologie und auch meine wissenschaftliche Interpretation der Bibel geprägt und tut dies bis heute. Ich habe in den siebziger und achtziger Jahren an Veranstaltungen, Gebeten und Demonstrationen der Friedensbewegung teilgenommen. Unvergeßlich die ökumenischen Gebete vor dem Stationierungsgelände von NATO-Mittelstreckenraketen in Hasselbach im Hunsrück, etwa in der Weihnacht oder der Osternacht, wo wir Kerzen in die Tore dieser Anlagen des Todes steckten. Wir sollten noch erleben, daß diese Waffe tatsächlich abgezogen und beseitigt wurde. Ich trat 1987 auch formell der Katholischen Friedensbewegung Pax Christi bei und bin, auch aufgrund meiner zahlreichen Israelbesuche wie meiner Bibelstudien, korrespondierendes Mitglied der Arbeitsgruppe Nahost von Pax Christi Deutschland. Irgendwie hat das alles mit dem Erlebnis des Krieges und der Nachkriegszeit, aber auch mit dem Erschrecken darüber zu tun, was mit den Juden bis 1945 geschehen war.
Fachlich habe ich besonders auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen Altem und Neuem Testament gearbeitet, zuletzt im Rahmen der Päpstlichen Bibelkommission, in der wir vor kurzem einen Text über "Israel und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel" veröffentlicht haben.
Was unsere Schulzeit gleichzeitig prägte, war der Hunger. In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es einfach nicht genügend zu essen, vor allem für kinderreiche Beamtenfamilien. Manchmal durften wir einfach dem Unterricht fernbleiben, weil wir auf den Feldern der Güter östlich von Bergedorf Erbsen pflückten, Ähren nachlasen oder Kartoffeln nachhackten. Ich habe auch noch den Geruch der Schulspeisung in der Nase, die uns die Alliierten für unsere Schulpausen ermöglichten: süßlich und manchmal auch ekelerregend. Trotzdem: beim Klingelzeichen stürmten wir die Treppe hinunter, zwei bis drei Stufen auf einmal, damit wir in der Reihe so weit vorne anstanden, daß wir gute Aussicht auf einen Nachschlag hatten. - Ich kann bis heute kein Stück Brot wegwerfen; auch das gehört zu dem, was ich aus der Schulzeit mitgenommen habe.
Insgesamt mußten wir damals mit Wenigem zufrieden sein, - auf allen Gebieten. Unser Schulgebäude war dasjenige der Albrecht-Thaer-Oberrealschule am Holstenglacis. - Schon mein Großvater hatte dieses Haus noch im 19. Jahrhundert "das graue Haus" genannt. Es war durch durch Krieg und Bombenzeit weiter heruntergekommen. In der ersten Zeit waren die herausgefallenen Fenster z.T. noch mit Pappe und Glaspapier verklebt. Die Wände und Treppenhäuser waren schmutzig, die sanitären Anlagen im Keller unbeschreiblich. - Aber wir lernten, - und lernten dabei auch, auf das Wesentliche zu achten. - Was zählte, waren menschliche Beziehungen, sowohl von Lehrern zu Schülern, wie auch bei den Schülern untereinander. - Die Beziehungen gestalteten sich vielleicht auch deshalb direkter, weil die Welt der Medien damals noch keinen Einzug in die Schulen gefunden hatte. Es gab selbstverständlich noch keine Computer. Projektoren für Dias und Bildvorlagen waren eine Seltenheit. Es galt das gesprochene Wort, - in jeder Hinsicht.
Aus der Sicht meines heutigen Arbeitszimmers am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom wirkt das wir eine archaische Welt. Der Computer speichert heute nicht nur alle meine Arbeitsergebnisse, sondern enthält auch eine Fülle von Hilfsmitteln, von den CDs, die die gesamten Texte der Antike bereit halten, bis zur e-mail, die täglich auf mich einflutet, mir aber auch fachliche Kontakte in alle Welt hinein ermöglicht. Dennoch sehne ich mich manchmal nach diesem "einfachen Leben" meiner Schülertage. Ich sehne mich danach, mit der G13 b noch einmal in Ruhe einen Platontext zu lesen, zu analysieren und zu diskutieren. - Die Arbeit ist schnellebiger geworden, vielleicht auch ein Stück oberflächlicher. Es wäre gut, sich ein Stück von der Unmittelbarkeit zu den Texten und Stoffen zu erhalten, die wir einmal vor dem Umstieg auf den Computer besessen haben, auch und gerade in unserer damaligen Schulzeit.
Was wünsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten 2002 des WG? - Ich wünsche Ihnen eine dreifache Form der Bildung.
Zunächst wünsche ich Ihnen Bildung des Kopfes. Die meisten von Ihnen werden ein Hochschulstudium beginnen. Bleiben Sie geduldig, behalten Sie die Übersicht, wenn Sie sich weitere Wissensinhalte in den Kopf stopfen müssen - oder man sie in Ihre Köpfe hineinstopft. - Wie anders sollten Sie sonst zu der eingangs geschilderten Form von Bildung im Sinne des französischen Sprichworts gelangen?
Mehr noch, und auch ernster, wünsche ich Ihnen die Bildung Ihres Verstandes, Ihrer Urteilsfähigkeit. Sie wird nicht nur für Sie selber wichtig sein, sondern auch für die Welt, in der wir leben und in der Sie und Ihre Kinder einmal leben werden. Lassen Sie sich dafür auch Zeit und Raum, suchen Sie Gesprächspartner, nutzen Sie Sommerakademien, die Ihren Horizont erweitern, auch über Ihr engstes Fachgebiet hinaus. - Zu den schönsten Erinnerungen der letzten Jahre gehören für mich solche Akademien der Studienstiftung in Südtirol, wo wir - zwei Theologen - grundlegende Fragen des Glaubens und des Ethos mit Studierenden aller Fachrichtungen besprechen konnten. - Mit einigen von ihnen verbindet uns noch heute persönliche Freundschaft.
Damit komme ich zu meinem letzten Wunsch: Suchen Sie die Bildung des Herzens. - "Herzensbildung" hat zugegebenermaßen einen schlechten Ruf. Man sagt sie Menschen nach, die es zu anderen Formen der Bildung nicht gebracht haben. Und doch ist diese Form der Bildung die entscheidende. - Der "Betende Knabe", der unsere Schule von der Moorweide über das Holstenglacis und das Kaiser-Friedrich-Ufer bis hier an die Alster begleitet hat, steht für eine Bildung, die mehr als nur Wissen vermitteln will. Sie meint den Menschen, der sich bewußt dem Absoluten verdankt.
Zur Bildung des Herzens gehört natürlich auch - und nicht zuletzt - die Fähigkeit, Freundschaft und Partnerschaft zu leben. - So klingt denn dieser Abend mit Recht aus in den Ball im Logenhaus. - Ich wünsche Ihnen und uns dabei viel Freude: "Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus ...", wie ich mit Horaz (carm. 1, 37) enden darf.
Hannsjürgen Harms. - Schüler des WG bis zum Abitur 1939, danach zunächst Kriegsdienst, nach 1945 Studium (vorwiegend Klassische Philologie), anschließend lange Jahre als Lehrer am WG tätig, Protektor des GRV"H", zuletzt im Ruhestand lebend, im Dezember 2001 gestorben. - Der folgende Text: 22.12.2001
Alle Eingeweihten wissen es: Es gibt Lehrer, wenn die sterben, ist die Schule nicht mehr das, was sie vorher war. - Zu ihnen gehörte Hannsjürgen Harms. Er ist vor einigen Tagen in seinem Haus in Rissen nach langer und schwerer Krankheit gestorben und vorgestern, am letzten Donnerstag, auf dem Sülldorfer Friedhof beigesetzt worden.
Er war, in seiner eckigen und kantigen Art, sicher nicht immer jedermanns Sache, vertrat auch gelegentlich Ansichten, die nicht alle teilen mochten, aber er gehörte zum WG wie kaum ein anderer. Er war - auch in den letzten Jahren noch - stets zur Stelle, wenn er gebraucht wurde, z.B. bei den jährlichen Septembertreffen der Abiturjubilare (selbst dann noch, wenn er es körperlich eigentlich nicht verantworten konnte), hatte dann stets sofort und mühelos Kontakt zu Schülern und Schülerinnen der verschiedensten Jahrgänge, die er alle kannte, und - dies vor allem -: er kämpfte engagiert und temperamentvoll, wenn es darum ging, das WG seiner Schülerjahre, also das WG der NS-Zeit, zu verteidigen und vor Verdächtigungen jeglicher Art zu schützen. Immer wieder hat er sich zu diesem Thema auch schriftlich geäußert, mutig und eindeutig, und als die Frage war, wer 1981, bei der Feier unseres 100-jährigen Jubiläums, die Festrede zur Geschichte der Schule halten sollte, war er es, der reden sollte und reden wollte. Sein Hauptthema: "Die Menschlichkeit und Liberalität an unserer Schule unter der Herrschaft der Nationalsozialisten".
Sein liebster und wichtigster Wunsch der letzten Jahre ist ihm nicht erfüllt worden: Er hat mit Hingabe die Daten aller Gefallenen des letzten Krieges erforscht und zusammengestellt (für ihn nicht nur Namen, denn er kannte sie fast alle): Er wünschte sich eine Inschriftenwand, eine Gedenktafel, auf der sie alle zu lesen wären, vielleicht auch nur ein Buch auf einem Lesepult, dachte dabei zuletzt natürlich auch an die neue Aula, aber es ist nichts daraus geworden. Die Widerstände - von verschiedenen Seiten, aus verschiedenen Motiven - waren zu groß. Alle, die ihn kennen, wissen, daß er unter dieser - für ihn unverständlichen - Position bis zu seinem Ende gelitten hat und daß er dadurch (und durch die Auseinandersetzungen, die damit zusammenhingen) langsam auch in eine innerliche Distanz zum heutigen WG geriet, die ihm viel von seiner Lebenskraft geraubt und ihn zunehmend verbittert hat. - Dennoch: Bei unzähligen Schülern und Lehrern ist er unvergessen, und ganz gewiß ist ihm dies auch bis zum Schluß bewußt gewesen.
Schulz, 22.12.2001
Walter
Gerhard: Zum Tode von Dr. Hagen Lenthe.
Ansprache in der Aula
Kaiser-Friedrich-Ufer, 30. Juni 1955
Mit der folgenden Ansprache hat es eine besondere Bewandtnis. Sie ist damals, 1955, nirgends publiziert worden, denn keiner hatte den Text, aber: sie war berühmt, es wurde viel von ihr gesprochen und: immer wieder danach gefragt, auch jetzt noch, nach fast fünfzig Jahren. - Dr. Lenthe also, geliebt und geschätzt, einer der jüngeren Lehrer am WG, Fachlehrer für Deutsch und Geschichte, war während einer Klassenfahrt mit seiner damaligen O 12 plötzlich zusammengebrochen und kurz darauf gestorben. - Die Ansprache in der Aula, nur wenige Tage danach, sollte (und wollte!) Dr. Gerhard halten, Walter Gerhard also, auch er Lehrer für Deutsch und Geschichte. - Alle, die ihn noch kennen, wissen es: er war ein Lehrer, der sich für sein Fach und seinen Unterricht verzehrte, wie kaum einer, und der von sich und seinen Schülern stets nur das Äußerste erwartete und verlangte - und verzweifelte, wenn die Schüler ihn enttäuschten. - Was damals, als er die Rede hielt, keiner wußte und wohl kaum einer wirklich ahnte: nur acht Tage danach war auch Dr. Gerhard tot, hatte sich das Leben genommen. - Nachträglich erschien seine letzte Ansprache dann natürlich in einem ganz besonderen Licht, und es ist verständlich, daß fast alle, die sie in der Aula gehört hatten, zumindest die Älteren, den einen Wunsch hatten: sie nun noch einmal zu hören oder wenigstens: zu lesen, - jetzt mit ganz anderen Augen ...
Hier
ist sie also, abgeschrieben aus einem z.T. nur mühsam lesbaren Text, der
zufällig, zwischen ganz anderen Dingen, in unserem Archiv aufgetaucht ist:
das Märchen vom Gevatter Tod ...
Sehr verehrte Angehörige,
liebe Kollegen, liebe Schüler!
Eines der kürzesten und doch tiefsten Märchen der deutschen Literatur ist jenes vom Gevatter Tod. Wir kennen es alle: Ein Vater geht aus, für seinen Sohn einen Paten zu suchen, aber einen, der nichts ist als gerecht. In diesem Vorsatz zeigt er sich anspruchsvoll und unerbittlich. Selbst dem Herrgott, der ihm begegnet, gibt er eine Absage: von ihm könne man wirklich nicht behaupten, meint er, daß er gerecht sei, da er den einen mit Glücksgütern segne, den anderen im Elend verkommen lasse. - Auch der Teufel, der Herr der Unterwelt, sagt ihm nicht zu als Gevatter seines Jungen. Der stellt ja seine Sache auf Lug und Trug und lockt mit falschen Versprechungen die Leichtgläubigen, die sich ihm verschreiben, ins Verderben. - Aber dem Tode entgegnet er, als der ihm als dritter die Patenschaft anbietet: "Ja, du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein."
Der Tod antwortet: "Ich will dein Kind reich und berühmt machen, denn wer mich zum Freunde hat, dem kann's nicht fehlen." - Bei der Taufe stellt sich denn der Tod auch wirklich ein, und steht, wie es im Märchen heißt, "ganz ordentlich Gevatter".
Wir wissen alle, worin das Patengeschenk dieses gerechten Gevatters bestand: Er versprach, wenn der Junge groß und ein Arzt geworden sei, ihm anzuzeigen, wie es um seine Kranken bestellt sei: Stehe er, der Gevatter Tod, zu Häupten des Bettes, so solle er, der Arzt, sagen, er werde ihn gesund machen; stehe er aber zu dessen Füßen, so solle er sagen, alle Hilfe sei umsonst, gegen diese Krankheit sei kein Kraut gewachsen. - Bei solchen Worten vergaß er nicht, ihm, dem Patenkind, das wunderbare Kraut zu geben, das gegen die Krankheit gewachsen sei.
Der Arzt wurde, wie nicht anders zu erwarten, berühmt. Wie sollte er nicht berühmt werden, da seine Diagnose unfehlbar und seine Kunst von unbedingter Heilkraft zu sein schien.
Aber sein Verderben war es, als er, der so vom Tode selbst, dem großen Herrn, beruflich auf jede Art begünstigte und geförderte Arzt, der Versuchung erlag, mit menschlichen Mitteln seinen mächtigen Gevatter zu täuschen: Nachdem er zweimal den Tod hinters Licht geführt hatte, indem er das Bett des Kranken umkehrte, führte ihn der Unerbittliche mit seiner eiskalten Hand in eine Höhle, in der tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, einige halbgroß, einige klein. - "Zeig mir mein Lebenslicht", bat der Arzt, und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod aber deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: "Siehst du, da ist es." - "Ach, lieber Pate", sagte der erschrockene Arzt, "zünde mir ein neues an, tu's mir zuliebe, damit ich meines Lebens genießen kann." - "Ich kann nicht", antwortete der Tod, "erst muß eins verlöschen, eh' ein neues Lebenslicht anbrennt."
Wie stand es nun mit dem Tode? Hatte er sich gegenüber dem kleinen Menschen,
der ihn hinter das Licht, hinter das Lebenslicht zu führen versucht hatte,
gerecht betragen? - "Ich kann nicht", hatte der Tod geantwortet: ein wunderbares,
ein rätselhaftes Wort. Warum kann er nicht helfen? Weil sich neues Leben
nur am Tode entzündet, weil er selbst, letzten Endes, indem er der Gesetzmäßigkeit
der Kerzenschicksale zusieht, nicht nur ihr Vollstrecker ist, sondern auch
Diener lebendigen, leuchtenden Neubeginns. -
Als Kind habe ich dieses Märchen immer und immer wieder gelesen, - vielleicht, weil ich es nicht im letzten zu verstehen vermochte, vielleicht aber auch, weil ich schon mehrmals als kleiner Junge, an der Hand meines Vaters, von Station zu Station, den Holbeinschen Totentanzfries in der Lübecker Marienkirche abgeschritten war. -
Das war für mich, der ich die Braunschweiger Totenuhr bereits kannte - und häufig zugesehen hatte, wie der Knochenmann um zwölf Uhr mittags mit seinem knöchernen Schlegel zum Apostelzug auf die Lebensglocke schlug, - ein großes Erlebnis. Wie störrisch und stolz auf dem Kirchengemälde der König an der Hand des Todes dahinschritt, wie gespreizt-verblendet der Edelmann, wie gewichtig-überheblich der Bürger, wie tolpatschig-ergeben der Bauer, wie unwissend-überrascht die Jungfrau, wie stolpernd-dumm und unwissend: das Kind.
Man muß wohl, denke ich, in den Bereich eines Lebensalters geraten sein, das irgendwie der Gesetzmäßigkeit oder der Zufälligkeit des Todes im Lebensgefühl Raum geben muß, um die Hintergründigkeit allen Lebens spüren zu können. Man sieht sich eines Tages um und erkennt, daß dem Leben des Menschen der Stachel des Todes stets an die Hüfte gesetzt ist. Nicht eigentlich der Krieg ist es, der nun einmal den Tod in sein gräßliches Programm einbezogen hat, uns gleichsam den improvisierten Tod gleichsam ad oculos demonstriert, nein: der zivile, der plötzliche Strohtod ist es vielmehr, der uns immer wieder abrupt zur Besinnung zwingt, jener Tod nämlich, der außerhalb der Berechnung liegt, der unwahrscheinliche, furchtbar plötzliche, blitzartig zuschlagende, - mit einem Wort: der Tod, welcher uns grauenhaft, ungerecht, sinnlos erscheint. -
Es liegt im Sinn jugendlicher Unbekümmertheit, daß auch die Worte der Barmherzigen Brüder aus Schillers "WilhelmTell", in der Unterrichtsstunde gehört und durchgenommen, nur gerade an die Oberfläche des Bewußtseins dringen. Die meisten von euch, liebe Jungen, haben diese Worte gelesen. - Wer, wer, frage ich, konnte sie begreifen? - Wem sind sie mehr gewesen als der mehr oder minder erhebliche Teil einer Unterrichtsstunde: Wilhelm Tell, Vierter Aufzug, Schluß, wo Geßlers Tod vom Chor der Barmherzigen Brüder mit einer Binsenweisheit glossiert wurde? - Da liest denn ein Schüler, stockend, stolpernd, pennälerhaft-unzulänglich die Worte:
Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben,
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben,
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Muß er vor seinem Richter stehen.
Da hört der Durchschnittsschüler die glatten Verse und denkt: "Wie theaterwirksam, wie opernhaft, diesen plötzlichen Geßlertod so apostrophieren zu lassen." - Aber eines Tages, plötzlich, gewinnen diese gleichen Verse Gehalt und Gestalt: Da sieht der Schüler möglicherweise ein Kind, gräßlich vom Auto verstümmelt und entstellt, auf der Straße liegen, oder: Er geht selbst hinter einem Sarge her, in welchem er einen Menschen liegen weiß, starr und stumm, mit dem er gestern noch gescherzt, der ihm gesten noch seine Liebe bezeugt und in dessen Hand er sich gestern noch geborgen wußte. -
So, genau so, erging es einer Klasse unserer Schule, die gestern noch mit ihrem Lehrer hinausfuhr zu großer Fahrt, - frohgemut, ledig aller lästigen Schulpflichten, übermütig - und einer Zeit jugendlichen Zusammenlebens und fröhlicher Wanderlust, in unbekannter, schöner Landschaft gewärtig.
Sie lachten, sie lärmten, schon auf der Eisenbahnfahrt, sie gebärdeten sich, wie Jungen, die sich losgelassen fühlen, eben gebärden: sehr laut, sehr wild, ihre jungen Stimmen in der ausgelassenen Fahrten- und Ferienstimmung auslassend. - Und er ... saß dabei, der verehrte Lehrer, von dem sie wußten, daß er in Erinnerung an seine eigene Jugend mit liebevollem Verständnis zu ihrem ausgelassenen Tun schmunzeln würde, er, dem der jugendliche Überschwang seiner eigenen Schulzeit noch in den Ohren klang:
Die Jugend braust,
Das Leben schäumt ... --
Ich bin überzeugt, keiner der jungen Springinsfelde kannte jene Verse,
die der junge Rilke, der Hellhörige, krankhaft Feinfühlige, dämmerig Leidende,
einsam Absonderliche geschrieben hatte. - Gott, wie sollten sie auch? -
Und wenn sie sie einmal gehört hatten, so waren diese Worte gewiß überdeckt
worden von all dem Lauten in und um uns, von dem unser Herz zugedeckt wird
wie von einem Aschenregen. - Die Verse heißen so (Schlußstück aus dem "Buch
der Bilder", 1906):
Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Und dann geschah es eben, wie es mitunter zu geschehen pflegt: Man erreichte das Ziel, die Jugendherberge, die Schüler mit ihrem Lehrer, man warf sich dem Erleben der ungebundenen Ferientage entgegen, man durchstürmte die Landschaft, man genoß die Ungebundenheit der Situation, fern vom Schulalltag mit seiner strengen Pflicht und Gesetzlichkeit, man dachte sie auszukosten in jeder Richtung. - Wer von den jungen Menschen dachte daran, es könnte ein Lebenslicht in ihrer Mitte gefährlich niedergebrannt und schutzbedürftig sein? Wer dachte, daß da ein unversehens hereinbrechender Luftzug genügen könnte, es zum Flackern zu bringen? - Junge Menschen denken an sich: "Die Jugend braust, das Leben schäumt ...".
Hätten sie gewußt, daß ein Lebenslicht in Gefahr war, - sie hätten gewiß den Gevatter Tod angebettelt, - wie der Arzt in der Höhle: "Ach, lieber Tod, zünde ihm ein neues Lebenslicht an, tu es uns zuliebe ...". - "Setz doch", hätten sie mit dem Mann im Märchen gesagt, "auf das alte Lebenslicht ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zuende ist ...".
Aber der Tod stellte sich, so heißt es in dem Märchen, als ob
er diesen Wunsch erfüllen wolle, langte ein frisches, großes Licht herbei,
aber er versah es beim Umstecken absichtlich, so daß, ehe er das neue Licht
entzündet, das Stümpfchen umfiel und verlosch. - Das ist die Antwort auf
die vielen bitteren, verzweifelten "Hätten wir doch ..." und "Hätten
wir doch nicht ...", welche so vielen hinterher durch den Kopf gingen.
Der Mensch, der Kollege, von dem Abschied zu nehmen wir uns in dieser Stunde vereinigt haben, heißt Hagen Lenthe. Es ist kein müßiges Unterfangen, den Wurzeln eines Mensch nachzuspüren. In seiner sich selbst ironisierenden Art pflegte Hagen Lenthe zu sagen, seine Vorfahren väterlicherseits hätten der niederen Geistlichkeit im Braunschweigischen, die mütterlicherseits dem Hannoverschen Kaufmannsstande angehört. Diese Blutsmischung von kontemplativ-transzendentalem und spekulativ-realem Denken mag in der Tat das Fundament seiner Persönlichkeit bedeutet haben ... (die nächsten vier Seiten: evtl. demnächst).
Im Jahre 1952 wurde Dr.Lenthe ans WG versetzt, seit 1952 war er der unsrige. Wir waren schon vom Sieveking-Platz ans Kaiser-Friedrich-Ufer umgesiedelt, als er zu uns stieß: schmalschultrig, lang und mager, leger in der Haltung, immer die Rechte in der Hosentasche, an heißen Tagen ohne Krawatte und Rock, mit geöffnetem Kragen. Nie werde ich vergessen, welchen Eindruck der Einzug dieses jungen Germanisten-Kollegen bei uns machte: ... Plötzlich, in einer Pause, klingt ein Lachen auf, ein völlig unprogrammäßiges, gleichsam unkonventionelles Lachen, - man horcht auf und hört eine Bemerkung, die nun in der Tat unter waschechten Beamten völlig unprogrammäßig, völlig antikonventionell klingt, - eine Fanfare der Unbürgerlichkeit, quasi die Urfreude am ungezogenen Einfall.
Muß ich es euch, liebe Schüler, Ihnen, liebe Kollegen, ins Gedächtnis zurückrufen, was Dr. Lenthe in unserer Gemeinschaft war? Das Lachen zog mit ihm ein, das Lachen jeder Art: das kindlich-harmlose, das sonorisch-laute, das bitter-trotzige, das zynisch-schmerzliche, irgendwie jedoch: das immer befreiende und erlösende Lachen, das der Situation ihre Spannung nahm, das dem Gespräch die rosarote Pointe aufsetzte, das dem leeren Wortgeplätscher plötzlich die scharfe Würze verlieh, das dem zögernden Vorwärtsschleichen in den Konferenzen den aggressiven Hornruf der Attacke einblies.
Ich sehe ihn so deutlich vor mir, da ich sein Bild zu beschwören suche: Fünf oder zehn Minuten nach acht kam er hereingeprescht, bereits leicht aufgelöst vom Wettlauf mit der Zeit, die unansehnliche, aus allen Nähten klaffende Ledermappe auf den Tisch knallend, - und doch alles andere als ein angstgejagter Kommis, der Schiß hat vor der Begegnung mit seinem Chef , immer noch seines Wertes und seiner Sonderstellung bewußt: "Es ist immer noch früh genug, wenn ich komme, laßt euch das sagen, ihr Terminakrobaten!" - Ich sehe ihn noch vor mir, wenn er, schräg und langbeinig den Korridor kreuzend, eine Tür aufriß, - mit einem Schrei, - war es Gruß, war es Drohung, war es Urlaut der Freude?? - Drinnen war er, schnellte er die Mappe seitwärts auf den Lehrertisch und umkreiste hochbeinig wie ein Tiger die Klasse. Nicht viel verstanden die Schüler von seinem Anfangsgemurmel, doch bald entnahmen sie den hingeworfenen Lauten: Er wollte sie sehr um Entschuldigung bitten; nur das Auto sei Schuld an der Verspätung gewesen; mindestens zehn Minuten sei er in einem fremden Gemüsegarten herumgegurkt ... usw. - Und dann konnte er, als wollte er Versäumtes nachholen, wie ein Falke auf die niedergeduckte Taube, mit langen Armen und vorschnellendem Kopf herabstoßen und schmettern: "933 - Was bedeutet das?"
Nein, das waren gewiß keine trockenen Stunden, die er gab, - und wenn Schüler so vieles nicht erkennen: eines haben sie sehr bald spitz: den Humor, - den Humor, der dem Schulmeister das Zaubermittel an die Hand gibt, den Pauker (samt seiner Notizbuchmacht, seiner Gespreiztheit, seiner Trockenheit) in die Flucht zu schlagen. - Humor: er soll lateinisch das gleiche bedeuten wie Lebenssaft, und wenn dem so ist, so macht der Lehrerhumor die Stunden vollsaftig - und damit genießbar.
Gewiß: Es ist eine seltene und seltsame Sache um den Humor. Man sagt, er speise sich aus einem tiefernsten, vielleicht sogar pessimistischen Lebensgefühl, wie denn Wilhelm Busch ein überraschend begriffssicherer Anhänger Schopenhauerscher Philosophie gewesen ist. - Eines jedenfalls scheint mir Vorbedingung zu sein für die humorvolle Lebenshaltung des Lehrers: daß er sich selbst nicht so furchtbar ernst nehme, daß er über sich selbst lachen könne. - "Ja", pflegte er zu sagen, wenn er am Sonnabend eine sechste Stunde zu geben hatte, "Seien Sie still, liebe Kollegen, die Behörde weiß wohl darum, daß ich immer die letzten Stunden gebe. Seien Sie still: Wir Sechststündler sind das Holz, aus dem man Oberschulräte schnitzt". - Wie er dann schmunzeln und lachen konnte, im Bewußtsein, gleichsam aus Versehen in das Reglement des Beamtentums verfallen zu sein. ... - Aber plötzlich, mitten im Gespräch, legte es sich wie ein unheimlich-heimlicher Ernst über seine Züge, und dann vermochte er eine Charakteristik von einem Schüler oder einem Kollegen zu geben, die nur zu Schweigen und Nachdenken aufrief.
Dr. Lenthe war verliebt in die witzige Pointe, aber er gab sie dahin, wenn Wichtiges auf dem Spiel stand: das Schicksal eines Schülers oder die Person eines Kollegen. Er konnte spotten, wie ich nie jemanden spotten gehört: aber er konnte ernst werden, jäh wie ein Uhrenschlag, und er konnte den Schmerz über die Enttäuschung, die ihm ein Schüler bereitet, zeigen, wie ich es kaum von einem Lehrer und Kollegen erfahren habe. - Dr. Lenthes Gedanken kreisten unablässig um seine Schüler. Wie leidenschaftlich sein Herz sich mit ihnen beschäftigte, leidenschaftlich bis zum körperlichen Schmerz: das haben die Jungen erfahren, die in der Fremde die Kraft und die Geduld eines Lehrerherzens allzu gedankenlos auf die Probe stellten. - Hinterher, nachdem dies geschehen, jammerten sie, wie die Ärzte: "Hätten wir doch ...!" - "Hätten wir doch nicht ...!" -
Genug der Worte: Das Unbegreifliche des Todes bleibt. Es ist wohl so: Der Tod spricht: "Ich kann nicht ...", weil Gesetze obwalten, die über unserem menschlichen Denken, jenseits unserer Maßstäbe liegen.
Mir scheint noch immer jene über alle Maßen herrliche Schlußszene aus Gerhart
Hauptmanns naturalistischem Drama "Michael Kramer" Trost zu bieten. Und
daher möchte ich sie ans Ende dieser, im Angesicht eines unbegreiflichen
Todes, so bescheidenen, unzulänglichen Worte setzen: die Worte eines großen
Dichters. - Sie verstehen sich aus folgender Situation: Dem alten Professor
Kramer, Lehrer an der Akademie der Bildenden Künste, hat man seinen Sohn
tot ins Haus getragen. Nun liegt er, ein junger, hoffnungsvoller Mensch,
in seinem Maleratelier aufgebahrt, und der Vater hat die Lichter angezündet
um seinen Sarg. - Er steht davor und spricht vor sich hin, während sein
früherer Schüler Lachmann ihm stumm und ergriffen zuhört: "Lachmann, wir
wollen die Lichte aufstecken." - - "Das ist es nicht." -
"Und jen's ist es nicht." - ... "Aber was ... was wird es wohl
sein am Ende?"
Gerhart Hauptmann, Michael Kramer (Vierter Akt, Schlußszene)
Dies als Nachtrag zu dem vorigen Text. Der Text der Ansprache von Walter Gerhard hat bei vielen mehr aufgerührt, als wir erwartet hatten. - Es ist wieder einmal deutlich geworden, daß es offenbar Lehrer gibt, die bei ihren Schülern, auch nach einem halben Jahrhundert, auch wenn sie selbst längst tot sind, immer noch lebendig sind.
Nur: die letzten Zeilen, das Zitat aus "Michael Kramer", seien in dieser Verkürzung kaum verständlich. - Das stimmt. - Vielleicht war es ja auch nur eine Einladung an alle, die den "Michael Kramer" nicht kennen, nun einmal den vollständigen Text zu lesen. Und, um allen, die den Text nicht zur Hand haben, die Sache zu erleichtern, haben wir ihn hier abgeschrieben, allerdings wieder nur in Auswahl, auch ohne alle Regieanweisungen; sonst wäre es zu lang geworden. - Der vollständige Text ist für wenig Geld in jeder Buchhandlung zu haben: für EUR 2,10 bei Reclam. - Unsere Abschrift beginnt genau an der Stelle, mit der auch Walter Gerhard begann. - Zur Orthograpie: "Sehn Se", aber: "Hör'n Se", und auch: "Machen Sie ...", wie in der Reclam-Ausgabe.
Bei immer wiederholtem Lesen: Walter Gerhard war ja, neben allem anderen,
ein gescheiter, witziger und listiger Mensch: Vieles spricht dafür, daß
er den folgenden Text, mehr noch als seine damalige Ansprache in der Aula,
als seinen eigentlichen Abschied und sein eigentliches Vermächtnis gemeint
hat, und daß er sich gedacht hat, wer's wissen will, der wird's schon finden.
Kramer: Lachmann, wir wollen die Lichte aufstecken. Machen Sie mal die Pakete auf! ... Leid, Leid, Leid, Leid! - Schmecken Sie, was in dem Worte liegt? - Sehn Se, das ist mit den Worten so: Sie werden auch nur zuzeiten lebendig, im Alltagsleben bleiben sie tot. ... Wenn erst das Große ins Leben tritt, hör'n Se, dann ist alles Kleine wie weggefegt. Das Kleine trennt, das Große, das eint, sehn Se. ... Der Tod ist immer das Große, hör'n Se: der Tod und die Liebe, sehn Se mal an. ... - Wissen Sie, was ich heute morgen gemacht habe? - Lieblingswünsche zu Grabe gebracht. - Still, stille für mich.- Ganz stille für mich, sehn Se. - Hör'n Se, das war ein langer Zug. Kleine und große, dick und dünn. Jetzt liegt alles da wie hingemäht, Lachmann.
Lachmann: Ich habe auch schon einen Freund verloren. Ich meine, durch einen freiwilligen Tod.
Kramer: Freiwillig, hör'n Se! - Wer weiß, wo das zutrifft? - Sehn Se sich diese Skizzen mal an. ... Da sind seine Peiniger alle versammelt. Sehn Se, da sind sie, so wie er sie sah. Und hör'n Se, Augen hat er gehabt ... - Ich bin vielleicht nicht so zerstört, wie Sie denken, und nicht so trostlos, wie mancher meint. - Der Tod, sehn Se, weist ins Erhabne hinaus. - Sehn Se, da wird man niedergebeugt. Doch was sich herbeiläßt, uns niederzubeugen, ist herrlich und ungeheuer zugleich. Das fühlen wir dann, das sehen wir fast, und hör'n Se, da wir man aus Leiden groß. - Was ist mir nicht alles gestorben im Leben! - Manch einer, Lachmann, der heute noch lebt. - Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich? - Das kommt, Lachmann, weil sie lieben müssen. Das drängt sich zur Einheit überall, - und über uns liegt doch der Fluch der Zerstreuung. - Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, - und alles entgleitet uns doch, wie es kommt.
Lachmann: Ich hab das ja auch schon erfahren bereits.
Kramer: Als Michaline mich weckte die Nacht, da hab ich mich wohl recht erbärmlich gezeigt. Aber sehn Se, ich hab es da gleich gewußt. Und wie er dann mußte so liegenbleiben, das waren die bittersten Stunden für mich. In dieser Stunde, wahrhaftigen Gott, Lachmann, - war das nun Läuterung oder nicht? -, da hab ich mich selber nicht wiedererkannt. - Hör'n Se, da hab ich so bitter gehadert: ich habe das selber von mir nicht gedacht. Ich habe gehöhnt und gewütet zu Gott. Hör'n Se, wir kennen uns selber nicht.
Michaline: ...
Kramer: Ich weiß nichts von Haß. Ich weiß nichts von Rache. Das erscheint mir jetzt alles klein und gering. ... Sehn Se, es hat mich ja angepackt. Das ist auch kein Wunder, hör'n Se mal an. Da lebt man so hin: das muß alles so sein. Man schlägt sich mit kleinen Sachen herum, und hör'n Se, man nimmt sie wer weiß wie wichtig, man macht sich Sorgen, man ächzt, und man klagt, und hör'n Se, dann kommt das mit einemmal, wie'n Adler, der in die Spatzen fährt. Hör'n Se, da heißt es: Posto gefaßt! - Aber sehn Se, nun bin ich dafür auch entlassen, und was nun etwa noch vor mir liegt, da kann mich nichts freuen, da kann mich nichts schrecken, da gibt's keine Drohung mehr für mich.
Lachmann: Soll ich vielleicht eine Flamme aufstecken?
Kramer: Sehn Se, da liegt einer Mutter Sohn. ... Grausame Bestien sind doch die Menschen. ... Lachmann, kommen Sie, stärken Sie sich! Hier ist etwas Wein, da kann man sich stärken. Trinken wir, Lachmann, opfern wir! Stoßen wir ruhig miteinander an! Und der dort liegt, - das bin ich! - das sind Sie! - das ist eine große Majestät! - Was kann da der Pastor noch hinzusetzen? ... - Was haben die Gecken von dem da gewußt: diese Stöcke und Klötze in Mannsgestalt? Von dem und von mir und von unsren Schmerzen? ... - Hör'n Se, Lachmann, das ist nun vorbei! ...- 's ist gut, wie er daliegt! 's ist gut! 's ist gut! - Ich habe den Tag über hier gesessen, ich habe gezeichnet, ich habe gemalt, ich habe auch seine Maske gegossen. Dort liegt sie, dort, in dem seidenenTuch. ... Und will man das festhalten, wird man zum Narren. Was jetzt auf seinem Gesicht liegt, das alles, Lachmann, hat in ihm gelegen. Das fühlt' ich, das kannt' ich in ihm, - und konnte ihn doch nicht heben, den Schatz. - Sehn Se, nun hat ihn der Tod gehoben. Nun ist alles voll Klarheit um ihn her. ... Hör'n Se, man wird überhaupt so klein: Das ganze Leben war ich sein Schulmeister. Ich habe den Jungen malträtiert, und nun ist er mir so ins Erhabne gewachsen. - ...
Liese Bänsch: ...
Kramer: Wo sitzt das nun, was so tödlich ist? Und doch, wer das einmal erfährt und lebt, der behält einen Stachel davon im Handteller, und was er auch anfaßt, so sticht er sich. Aber gehn Sie nur getrost nach Haus! Zwischen dem da und uns ist Friede geworden. - - Die Lichter! Die Lichter! Wie seltsam das ist! Ich habe schon manches Licht verbrannt! Schon manches Lichtes Flamme gesehn, Lachmann. - Aber hörn Se: das ist ein anderes Licht!! - Mach ich Sie etwa ängstlich, Lachmann?
Lachmann: Nein, wovor sollt ich denn ängstlich sein?
Kramer: Es gibt ja Leute, die ängstlich sind. Ich bin aber der Meinung, Lachmann, man soll sich nicht ängsten in der Welt. Die Liebe, sagt man, ist stark wie der Tod. - Aber kehren Sie getrost den Satz mal um: Der Tod ist auch mild wie die Liebe, Lachmann. - Hör'n Se, der Tod ist verleumdet worden, das ist der ärgste Betrug in der Welt!! - Der Tod ist die mildeste Form des Lebens: der ewigen Liebe Meisterstück. (Er öffnet das große Atelierfenster, leise Abendglocken ...). - Das große Leben sind Fieberschauer, bald kalt, bald heiß. - Bald heiß, bald kalt. - Ihr tatet dasselbe dem Gottessohn! Ihr tut es ihm heut wie dazumal! So wie damals, wird er auch heut nicht sterben! -
Die Glocken sprechen, hören Sie nicht? Sie erzählen's hinunter in die Straßen: die Geschichte von mir und meinem Sohn. - Und daß keiner von uns ein Verlorner ist! - Ganz deutlich versteht man's, Wort für Wort. - Heut ist es geschehen, heut ist der Tag! Die Glocke ist mehr als die Kirche, Lachmann! - Der Ruf zu Tische ist mehr als das Brot! - Wo sollen wir landen, wo treiben wir hin? Warum jauchzen wir manchmal ins Ungewisse? Wir Kleinen, im Ungeheuren verlassen? Als wenn wir wüßten, wohin es geht. - So hast du gejauchzt! Und was hast du gewußt? -
Von irdischen Festen ist es nichts! - Der Himmel der Pfaffen ist es nicht!
- Das ist es nicht, und jen's ist es nicht, - aber was ... (mit gen
Himmel erhobenen Händen) ... was wird es wohl sein am Ende?
Nachruf auf Susanne Waller (gestorben am 11. Dez. 2003)
Schüler und Lehrer des Wilhelm-Gymnasiums haben einen großen Verlust erlitten: Am 11. Dezember dieses Jahres starb Susanne Waller, unsere Kollegin. Sie wurde nur 43 Jahre alt. Schon seit zwei Jahren hatte die schwere und tödliche Krankheit sie gezwungen, ihre Arbeit ruhen zu lassen.
Diese Arbeit hatte sie im Jahre 1997 fröhlich und schwungvoll begonnen, frisch aus der Referendarausbildung kommend. Jede Herausforderung, die das Lehrerdasein ihr präsentierte - und diese pflegen zahlreich zu sein -, nahm sie experimentierfreudig und tapfer an.
Meist dringen aus dem Klassenzimmer nur Gerüchte darüber, wie ein Lehrer denn so sei und was er mache. Sie zeigte, was in ihr steckte, indem sie zeigte, was sie aus den Schülern herausholen konnte: in einer großen Ausstellung des Leistungskurses Kunst mit zahlreichen Objekten zum Thema "Kitsch". Dies wäre an sich schon eindrucksvoll genug gewesen, aber sie kam zusätzlich noch auf eine erstaunliche Idee: Sie hatte gehört, daß unser Bunker auf dem Schulhof (nicht der grüne Bunkerhügel, sondern das Gewirr von Kellern, Gängen und Gewölben darunter) vor einiger Zeit von unserem Hausmeister und einer Gruppe begeisterter Schüler wieder begehbar gemacht, auch mit Beleuchtung versehen worden war. Also kam sie auf die Idee, dieses neugeschaffene Labyrinth zum Ausstellungsraum zu machen. Im Gänsemarsch wanden sich die Besucher durch die Gänge, von Überraschung zu Überraschung.
Sie war aber auch nicht nur ideenreich, sondern auch kämpferisch: Das bewies sie u.a. als Mitglied des Personalrats. Trotz aller Energie verlor sie nie, was sie vor allem auszeichnete: Liebenswürdigkeit, Heiterkeit, Anmut.
Den Kampf gegen ihre Krankheit nahm sie an allen Fronten und mit allen Mitteln auf. Nach den ersten Therapien schien Anlaß zur Hoffnung zu bestehen, bis im Frühjahr neue Tumore ihr, der Künstlerin, ausgerechnet die Sehkraft schädigten. So rasch auch die Krankheit nun voranschritt, Susanne Waller nutzte bis zum letzten Augenblick alle Möglichkeiten, ihr immer enger werdendes Aktionsfeld auszufüllen.
Wer mit ihr zusammenarbeitete, weiß, daß sie, soviel sie auch schon getan hatte, noch große Möglichkeiten in sich trug. Ihr früher Tod hat eine Entwicklung abgebrochen, die für viele fruchtbar zu werden versprach. So können wir unseren Verlust eigentlich gar nicht ermessen. Umso größer ist unsere Trauer.
Gabriele Krüger, 23.12.2003
Wie es im Leben so geht: Manfred Fuhrmann
Der Anlaß der folgenden beiden Texte ist der Tod von Manfred Fuhrmann.
Fuhrmann war lange Zeit Professor für Literaturwissenschaft und Latinistik an der neugegründeten Universität Konstanz. In der Nacht zum 12. Januar 2005 ist er in seinem Haus in Überlingen am Bodensee gestorben, im Alter von 79 Jahren. - Wir hatten die genannten Texte zunächst unter der Rubrik "Fächer" beim Fach Latein eingetragen, weil Fuhrmanns Tätigkeit garade auch für den Lateinunterricht an unserer Schule von großer Bedeutung war. - Nun hören wir aber von verschiedenen Seiten, daß die Logik und das Gleichgewicht unserer Homepage eine andere Einordnung verlangt. - Daher jetzt hier (unverändert):
Den Text über das Fach Latein habe ich (Schulz) vor etwa zwei Wochen geschrieben. Dabei kam ich, wie man sieht, um einen Namen nicht herum: Manfred Fuhrmann.
Es ging darum, daß all unsere Schüler und Schülerinnen jetzt in der Mittelstufe die sog. "Fuhrmann-Texte" lesen und traktieren: die lateinische Bibel (Vulgata), die Geschichten von Joseph und seinen Brüdern, Erasmus von Rotterdam, Colloquia familiaria, Carmina Burana usw., - aber keinen Caesar ... - Für diese Texte hatte Fuhrmann gekämpft, energisch, temperamentvoll - und mit Erfolg.
Einige Tage danach bekam ich Lust, Fuhrmann direkt am Telefon zu fragen: "Macht es Ihnen eigentlich Freude, daß jetzt, zumindest in Hamburg, lauter kleine Fuhrmänner herumlaufen? - So hatte ich mir die Frage ausgedacht. - Ich war, natürlich, auf seine Antwort gespannt, aber ich konnte ihn nicht erreichen. - Und nun, heute vor zwei Tagen, die Nachricht, daß er in seinem Haus in Überlingen am Bodensee gestorben ist, im Alter von fast achtzig Jahren.
Alle, die ihn in der letzten Zeit noch erlebt haben, auf Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen usw.: argumentierend, diskutierend, präzise formulierend, dabei stets munter, listig, oft belustigt, aber auch nachdrücklich und unermüdlich werbend für die Sache, die ihm am Herzen lag, haben sich vermutlich nie vorgestellt, daß die Krankheit schon in ihm saß und ihm zunehmend zusetzte. - Und keiner konnte sich vorstellen, daß er fast achtzig Jahre alt war ...
Nun ist er also tot. - Ich habe seine Frau, als ich die Nachricht - auf Umwegen - erhalten hatte, spontan angerufen, und ich glaube, sie hat mir angemerkt, daß ich nur schwer damit zurechtkommen konnte. -
Meine persönliche Verbindung zu Manfred Fuhrmann begann vor gut einem Vierteljahrhundert: Prof. Bömer, damals Schulleiter am WG, zugleich Herausgeber und Redaktor der Zeitschrift "Gymnasium", gab mir ein schmales Bändchen in die Hand, mit der Aufforderung, es für seine Zeitschrift zu rezensieren: "Manfred Fuhrmann. Die Antike und ihre Vermittler. Konstanz 1969". - Fuhrmann war damals gerade als Latinist an die neugegründete Universität Konstanz berufen worden; es handelte sich um seine Konstanzer Antrittsvorlesung und um eine temperamentvolle und ziemlich heftige Abrechnung mit der Art, wie das Fach Latein an den deutschen Universitäten damals traktiert und wie es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
Und ich, der ich selbst einst unter diesem Universitätsbetrieb gelitten hatte, war begeistert, habe ihn dann auch - auf seine Einladung hin - in seinem Haus in Überlingen besucht, konnte - durch seine Vermittlung - mehrere neugegründete Universitäten besuchen (denn es ging ja um den Versuch einer Neuorientierung für das Fach Latein) und habe über meine Erfahrungen und Eindrücke in einem längeren Traktat in der Zeitschrift "Gymnasium" berichtet. Für mich war dies eine ganz wichtige Zeit, für die ich Fuhrmann immer danken werde.
Fuhrmann selbst hat dann irgendwann "die Lehrer entdeckt"; vermutlich nicht nur die Lehrer, sondern auch den Schulbetrieb im tiefsten Süden Deutschlands: in Bayern und in Baden-Württemberg. Er hatte vier Kinder, und er erlebte vierfach, wie es ihnen dort erging. Sein Fazit, vor allem für das Fach Latein: Er war entsetzt ...
Er begann also zu handeln: in unzähligen Vorträgen, in Veranstaltungen des Deutschen Altphilologenverbandes, der Mommsen-Gesellschaft, in Schreiben an Behörden, Kultusministerien, in Kontakten mit Lehrplanausschüssen usw. - Es ging ihm dabei vorwiegend darum, verkrustete und etablierte Strukturen aufzubrechen: Warum in der Mittelstufe immer nur Caesar, jahrelang? Warum immer nur Historiker, mit der obsoleten Schilderung von Schlachten und Schlachtfeldern? Warum lauter Übungsbücher, die auf Caesar und nichts als Caesar hinarbeiteten ...? - Statt dessen wünschte er sich (und dies eins seiner Hauptanliegen) freies Umgehen mit der immensen Hinterlassenschaft alles dessen, was in lateinischer Sprache aufgeschrieben ist, bis hinein in die Humanistenzeit. - Berühmt seine Streitschrift "Caesar oder Erasmus - Überlegungen zur lateinischen Anfangslektüre". - Und, um das Ergebnis zusammenzufassen: Er hatte auf der ganzen Linie Erfolg, uneingeschränkt: Alles, was er damals forderte und propagierte, ist heute - für das Fach Latein - unbestrittene Grundlage aller Arbeit an Schulen und Universitäten.
Diese seine Tätigkeit ist in den Feuilletons von heute (14.1.05: Süddeutsche, FAZ) ausführlich und einfühlsam gewürdigt worden. - Wobei allerdings die lustige und geistreiche Überschrift der FAZ: "Das Land der Römer für die Schule suchend" die Intention Fuhrmanns in mehreren Punkten verfehlt. - "für die Schule" ist zwar durchaus richtig, aber es stimmt nur halb: Fuhrmann ging es bestimmt in gleichem Maße um den Universitätsbetrieb, denn auch dort (s.o.) fand er vieles, was anders werden sollte und müßte. - Außerdem - das hat er immer wieder betont - ging es ihm gerade nicht um Rom und um das "Land der Römer", sondern um die lateinische Sprache und die Art, wie diese Sprache über ein Jahrtausend lang ganz Europa, nicht nur Rom, geprägt hat. - Eins bleibt allerdings richtig: sein Anspruch, auch die antike Literatur Roms als eigene Literatur wahrzunehmen, nicht nur als Ableger der griechischen.
Merkwürdig bei alledem: Fuhrmann hat, wo auch immer er sich zu Worte meldete, temperamentvoll und energisch gegen herrschende Tendenzen und Strömungen argumentiert, hat sich also, so sollte man denken, überall unbeliebt gemacht (denn wer hört schon gerne, daß er letzlich alles falsch macht?), - aber: das Ergebnis war ganz unerwartet: Er wurde geliebt, umworben, mit Beifall überschüttet ... und vielfach nachgeahmt.
Ob er damit am Ende glücklich war, mag ich nicht entscheiden. Es mag sein, daß gerade der Erfolg ihn verwirrt hat (s. den Text über das Fach Latein). - Sein Ziel und seine Idee war ja gerade das Aufbrechen des starren Kanons, die Vorstellung, daß der Unterricht völlig frei mit dem immensen Erbe der lateinischen Literatur umgeht, ohne einen wie auch immer gearteten Lehrplan, der ja nur wie ein Korsett wirken könne. - Was ist dann aber daraus geworden, zumindest in Hamburg? - Ein Lehrplan, der zwar äußerlich alles aufnimmt, was Fuhrmann vorgeschlagen hat (und zwar bis in die Einzelheiten), der daraus aber ein so ödes Gerippe von Vorschriften macht (mit der zusätzlichen Drohung, am Ende werde darüber eine "Vergleichsarbeit" geschrieben), daß nur ein wahrhaft begnadetet Lehrer daraus noch etwas Originelles und Selbständiges entwickeln kann. - So kann eine Behörde - sicher keineswegs böswillig, sondern mit den besten Absichten - viel Gutes im Keim ersticken. Und jeder weiß es: Die "besten Absichten" führen nicht immer zum besten Ergebnis.
Was Manfred Fuhrmann darüber denkt? Wir können ihn nicht mehr fragen, aber seine Frau hat mir - am Abend nach seinem Tode - genau dies bestätigt: wie sehr er gerade darunter gelitten hat, unter der Art, wie gute, fruchtbare, originelle, lebendige Ideen im Behördenalltag und im Lehrplangeschäft zu tötenden Langweilern gemacht werden können.
Und ich erinnere mich an einen Abend, etwa vor dreißig Jahren: Ich war für gut eine Woche zu Gast bei Fuhrmann und an der Konstanzer Universität. Für einen sommerlichen Abend hatte der Professor Newiger, Graezist in Konstanz, alle, die dort irgendwie mit Latein und Griechisch zu tun hatten, in sein wunderbares Haus auf dem Lande eingeladen. Und ich, junger, lerneifriger Lehrer, beeindruckt von dem ganzen Treiben, ein wenig befangen wegen der vielen anwesenden Professoren, verwirrt auch durch die lockere Art, wie Fuhrmann und seine Kollegen über das "idiotische Geschehen" an ihrer Uni sprachen (die ja immerhin in Deutschland als eine der besten galt), - ich sprach ihn, Fuhrmann, auf die Lehr- und Studienpläne an, die ich gerade an dem Tag studiert hatte; da sei doch immerhin vieles "klug und umsichtig und sehr perfekt geregelt ...". - Er (gut gelaunt, vielleicht ein wenig beschwipst, denn es war eine bunte Gesellschaft, reichlich Wein, viele Frauen ...) antwortete nicht, sondern fing spöttisch an zu singen: "Ein Plan, ein Plan, ein Plan ...", - und alle nickten Beifall. - Offenbar war man sich in diesem Kreis von Gelehrten einig: Durch Pläne wird kaum etwas bewirkt, - und vieles verhindert. Wer wirklich etwas bewirken will und kann (und nur von denen ist die Rede), der macht es ohne alle Pläne und, wenn es sein muß: gegen alle Pläne. - Ich, damals noch ganz brav und obrigkeitsgläubig, stand etwas dumm da, hatte aber trotzdem den Eindruck, von allen freundlich, wohlwollend und ein wenig mitleidig akzeptiert zu sein.
Fuhrmann muß letzten Endes, je berühmter er wurde und je größer sein Einfluß wurde, zunehmend den Argwohn gehabt haben, daß er in dem, was er wirklich wollte, von vielen nicht richtig verstanden wurde. - Vielleicht hängt es mit dem zusammen, was der Hamburger Theologe Heinz Zahrnt (einer, der ihm in vielem ähnlich war) in einem seiner Traktate die "Melancholie der Erfüllung" nannte: Befriedigung, Glück, Trauer - und ein wenig Enttäuschung, weil das Erreichte am Ende dann eben doch anders aussieht als der Traum, den man geträumt hatte.
Ich einem allerdings - so denke ich - war Fuhrmann uneingeschränkt glücklich: Die vielen Bücher, Aufsätze, Lexikonartikel, die er vor langer Zeit und auch noch in den letzten Jahren mit unglaublichem Fleiß und einer wahren Besessenheit geschrieben hat, nicht nur über lateinische Literatur, sondern über fast alles, was mit europäischer Überlieferung zusammenhängt, gehören mit großem Abstand zum Besten, was es auf diesem Gebiet gibt: Sie haben allesamt ihren unverwechselbaren Stil, ihre unverwechselbare Sprache und sind in ihrer Art einzigartig. - Das wußte er, und das wurde ihm, von allen Seiten, immer wieder bestätigt.
Schulz, 14.1.2005
Noch einmal über Manfred Fuhrmann
Wir freuen uns - natürlich
- über alle, die unsere Texte lesen und ggf. weiterspinnen. - Einer aus
dem Kreise unserer Eltern, Vater von zwei Kindern am WG, hat uns als Ergänzung
zu dem vorigen Text und zu den beiden genannten Nachrufen (Süddeutsche
und FAZ) die Kopie eines Textes geschickt, der einen Tag später in der
WELT erschienen ist. - Autor: Konrad Adam. - Wir bedanken uns sehr
dafür und geben den Text gerne weiter, zumal uns scheint, daß dieser Text
- bei aller Kürze - die wesentlichen Anliegen Fuhrmanns - aber auch seine
Ecken und Kanten - besonders klar erkennt und formuliert; offensichtlich
schreibt der Verfasser aus enger Vertrautheit mit Fuhrmann.
Die Altphilologie, das Studium der griechischen und lateinischen Sprache, gilt vielen als eine verlorene Sache. Wenn sie den Anspruch erhebt, dem Humanismus zu dienen, weckt sie die Vorbehalte selbstbewußter Modernisierer.
Glücklicherweise gilt das auch in umgekehrter Richtung: Auch der Entschluß, an einer Sache festzuhalten, die dem Zeitgeist zuwider ist, macht selbstbewußt: "Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, die unterlegene aber dem Cato", sagt der Dichter Lucan über den jüngeren Cato, der im Bürgerkrieg gegen Cäsar die Republik vertreten - und verloren hatte (victrix causa deis placuit, sed victa Catoni; ein böses Wort über die Götter, von einem, der es wissen mußte).
Ich habe dieses Zitat aus dem Munde von Manfred Fuhrmann nie gehört; aber es paßt zu ihm. Er besaß ein heftiges, schwieriges Temperament, das er gern gegen alle Welt ausspielte, auch gegen Freunde und Bekannte. Folgen hatte das aber nie, denn unerbittlich war Fuhrmann nur in der Sache, und das machte die Versöhnung immer wieder leicht. Auch diejenigen, die aus vielen, mehr oder weniger ehrenhaften Gründen zu ihm auf Distanz hielten, gaben unumwunden zu, daß er im Laufe seines langen Lebens zum Haupt der deutschen Altphilologie geworden war. Er beherrschte sie in allen ihren Facetten.
Als Mitbegründer der Konstanzer Schule und Mitglied jener Arbeitsgruppe, die sich "Poetik und Hermeneutik" nannte und die die Rezeptionsästhetik in Deutschland heimisch machte, kam es ihm auf Vermittlung an. "Die Antike und ihre Vermittler" hieß denn auch eine seiner Gelegenheitsschriften, mit der er weit über das Fach hinaus Echo und Widerspruch ausgelöst hat.
Er war ein Gelehrter alten Typs, belesen wie wenige und von stupendem Fleiß. Am Mittwoch ist er in Überlingen im Alter von 79 Jahren gestorben. Buchstäblich über seinen Büchern, wie Freunde berichten.
Ursprünglich hatte es ihn, den begabten Pianisten, zur Musik gezogen. Dann fand er, mehr oder weniger zufällig, über den Rechtshistoriker Franz Wieacker zur Antike. Mit einer Untersuchung über das systematische Lehrbuch hatte er sich in Göttingen habilitiert; dabei war er auf die unter dem Namen des Aristoteles überlieferte Rhetorik des Anaximenes von Lampsakos gestoßen. Da es von ihr keine brauchbare Ausgabe gab, machte er sich als nächstes, typisch für sein unruhiges, ebenso neugieriges wie gründliches Wesen, an die Neuedition dieser Schrift. Er wollte weniger der Fachwelt als sich selbst beweisen, daß er auch dieses Metier beherrschte. Und das gelang ihm glänzend.
Die Fachwelt war ihm allerdings
zu eng. Er wollte wirken und werben und hat das mit seinen Büchern über
Cicero und eine Doppelbiographie über Seneca und Kaiser Nero auch getan.
Fast nebenbei fiel dabei eine Neuübersetzung sämtlicher Cicero-Reden ab,
eine Arbeit, die andere vielleicht als Lebenswerk betrachtet hätten.
Manfred
Fuhrmann: Wer nicht von dreitausend Jahren ...
Interpretation eines Gedichtes
aus dem "West-östlichen Divan" von Goethe, erschienen in der FAZ vom 15.01.2005:
"Alle Wohnungen des europäischen Hauses ruhen auf demselben Sockel"
Die letzte Strophe kennt jeder, den ganzen Text ("Und wer franzet oder britet ...") - nur wenige. - Manfred Fuhrmann hat seine kurze Interpretation dieses Gedichtes für die "Frankfurter Anthologie" zu Papier gebracht, und, vermutlich nicht ganz zufällig, ist sie jetzt, einige Tage nach seinem Tode, im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen zu lesen. - Wir bringen seinen Text unverändert, er ist, sozusagen, eine Art Vermächtnis, eine Zusammenfassung alles dessen, was ihm in seinem Leben wichtig war:
Das Gedicht stammt aus dem "Buch des Unmuths" im "West-östlichen Divan". Vier Strophen enthalten ebenso viele Sätze, und jeder Satz besteht aus zwei exakt gleich großen Hälften: Diese durchaus nicht anmutige Blockhaftigkeit klingt, als habe Goethe seinen Rügen auch durch eine sperrige Form Nachdruck verleihen wollen.
Die erste Strophe
Und wer franzet oder britet,
Italienert oder teutschet,
Einer will nur wie der andre
Was die Eigenliebe heischet. ...:
Goethe mißbilligt sie allesamt: Franzosen und Briten, Italiener und Deutsche: Sie alle sind voreingenommen, für die je eigene Nation.
Die Negationen der zweiten Strophe
Denn es ist kein Anerkennen,
Weder vieler, noch des einen,
Wenn es nicht zu Tage fördert,
Wo man selbst was möchte scheinen ...
laufen auf ein "nur" heraus: Anerkannt wird nur, was dem "heute" förderlich ist, was dem Anerkennenden Reputation einbringt. Goethe spitzt die These des Anfangs zu: Der Horizont der Eigenliebe ist nicht nur durch das Nationale, sondern überdies noch durch das je Modische begrenzt.
Die dritte Strophe könnte
als Rollenrede in Anführungszeichen eingeschlossen werden: Sie erläutert
die zweite aus der Sicht des "man". Der Sprecher ist Zyniker: Er kennt
das Rechte und bevorzugt gleichwohl, um der "Gunst" willen, das Schlechte,
oder, was hier als dasselbe gilt, er geht, unbekümmert um das "morgen",
ganz im Betrieb des "heute" auf.
Die letzte Strophe
Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben ...
verkündet mit überraschendem Pathos und in gar nicht sperriger Form, was der an den "Tag" Angepflockte verfehlt: das Licht der Erfahrung, die Übersicht über den Weltlauf. - Beides kommt nur dem zugute, der auf Kenntnis von drei Jahrtausenden Geschichte zurückgreifen kann.
Zu Anfang des Gedichte dominiert - mit den Nationen der beiden ersten Verse - der Raum; dann, von der Mitte an, gliedern zeitliche Kategorien die Gedanken. Raum und Zeit haben offenbar eine gemeinsame Bezugsgröße, die ungenannt bleibt: Europa. - Hierauf deuten sowohl die Nationen als auch die Jahre: Die Nationen repräsentieren die Sprachen, die der gebildete Europäer des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts zu beherrschen pflegte; die Jahre verweisen auf das Alter der europäischen Kultur, von dem die damalige Schule ihren Zöglingen durch Homer und das Alte Testament einigen Begriff verschaffte.
Goethe begnügte sich nicht damit, Europa nach Raum und Zeit auszuloten. Beides ist ja durch Ichbezogenheit und Geltungssucht eingeengt: auf die einzelne Nation, auf die Gegenwart. Die beiden Aspekte sind geradezu identisch.
Von den dreitausend Jahren
fällt die Hälfte auf das Atertum, auf die Fundamente, die gemeinsamer Besitz
aller Völker Europas sind.
Daher lassen sich die beiden
Verkümmerungen, die räumliche wie die zeitliche, durch ein und dieselbe
Abhilfe beheben: durch die Fähigkeit, sich von der ganzen Geschichte Europas
Rechenschaft zu geben: Wer die Antike kennt - von Troja bis Byzanz, von
der Ilias bis zum Corpus Iuris -, der weiß, daß alle Wohnungen des europäischen
Hauses auf demselben Sockel aufruhen, dem liegt es fern, sich engstirnigem,
nationalem Dünkel hinzugeben. ...